Einführung Telegramm des österreichisch-ungarischen Botschafters in Berlin, Ladislaus von Szögyény-Marich, an Außenminister Leopold Graf Berchtold [Blankoscheck], 6. Juli 1914 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Telegramm des österreichisch-ungarischen Botschafters in Berlin, Ladislaus von Szögyény-Marich, an Außenminister Leopold Graf Berchtold ["Blankoscheck"], 6. Juli 1914

Einleitung

Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 war das Signal zu einer Risikopolitik, zu einem stellenweise dilettantisch vorgetragenen Versuch Deutschlands und Österreich-Ungarns, ihre außenpolitische Lage dauerhaft zu verbessern. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg kalkulierte dabei ganz bewusst den Ausbruch eines großen Krieges mit ein. Objektiv gesehen gab es keinerlei Notwendigkeit für einen Waffengang. Heute wissen wir, dass keine Großmacht im Sommer 1914 wirklich um ihre Existenz bangen musste. Maßgeblich war freilich die subjektive Wahrnehmung der politischen Entscheidungsträger. Und die waren davon überzeugt, auf die militärische Karte setzen zu können, ja zu müssen. Damit war der Kriegsausbruch keine zwangsläufige, aber doch eine sehr wahrscheinliche Folge der damaligen Konstellation.

In Europa wurde der Anschlag auf Franz Ferdinand als terroristischer Akt verurteilt, der Österreich-Ungarn das Recht auf Satisfaktion gab. In Wien war man davon überzeugt, dass Belgrad für den Mord verantwortlich war. In der Tat hatte der Chef des serbischen Geheimdienstes, Dragutin Dimitrijević-Apis, den Attentätern die Waffen geliefert, und auch der serbische Ministerpräsident, Nikola Pašić, wusste von den Attentatsplänen. Die Warnungen, die er Wien angeblich hatte zukommen lassen, kamen jedoch entweder nicht an oder wurden dort nicht ernst genommen. Dies spielte auch gar keine Rolle mehr. In Wien war bereits vor dem 28. Juni 1914 der Entschluss herangereift, dass das "serbische Problem" wohl nur mit Gewalt gelöst werden könnte. Der ermordete Thronfolger war die Schlüsselfigur für die Erhaltung des Friedens in Österreich-Ungarn gewesen: Erzherzog Franz Ferdinand hatte ursprünglich auf eine offensive Lösung der "Balkanfrage" gedrängt, war im Winter 1912/13 aber zur Erkenntnis gelangt, dass ein Krieg "Wahnsinn" 1sei, und kämpfte fortan mit aller Kraft für den Frieden. Sein Tod machte den Krieg nun um einiges wahrscheinlicher.

Entscheidend für das weitere Vorgehen Österreich-Ungarns war die Haltung des mächtigen Bundesgenossen Deutschland. Da ein militärisches Vorgehen gegen Serbien unweigerlich die Gefahr eines Krieges mit Russland heraufbeschwor, musste sich Wien zunächst der Unterstützung Berlins versichern. Der Zweibund zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland hatte bereits 1908/09 seinen defensiven Charakter eingebüßt und seitdem eine zunehmend offensive Ausrichtung bekommen. Einen Automatismus zur Unterstützung außenpolitischer und militärischer Abenteuer gab es indes nicht. So ließ die zurückhaltende Balkanpolitik des Deutschen Reiches durchaus Skepsis angebracht erscheinen, ob es auch einen österreichisch-ungarischen Waffengang gegen Serbien unterstützen würde. Die ersten Kommentare des deutschen Botschafters in Wien, Heinrich von Tschirschky, waren wenig vielversprechend. Der deutsche Publizist Victor Naumann, der gute Verbindungen zum Auswärtigen Amt hatte, deutete hingegen an, dass Deutschland die Donaumonarchie selbst in einem Krieg gegen Serbien zur Seite stehen werde. Eine Klärung der Lage war dringend erforderlich. Außenminister Leopold Graf Berchtold entsandte daher Alexander Graf Hoyos, Legationsrat und Kabinettschef im Außenministerium, nach Berlin. Im Gepäck hatte dieser ein persönliches Schreiben Kaiser Franz Josephs I. an Wilhelm II. und eine Denkschrift des Außenministeriums, die um Unterstützung für ein entschlossenes Vorgehen auf dem Balkan warb. Das Memorandum, das bereits am 24. Juni – also vier Tage vor Sarajevo – von Sektionsrat Franz von Matscheko fertiggestellt worden war, forderte energische Schritte gegen einen von Russland und Frankreich inspirierten neuen Balkan-Bund. Der österreichische Kaiser wurde angesichts des soeben erfolgten Mordes noch deutlicher: "Das Bestreben meiner Regierung muß in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein." Weiter forderte er, dass Serbien "als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet wird".2

Am 5. Juli erhielt der österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin, Ladislaus von Szögyény-Marich, von Wilhelm II. – unter Vorbehalt einer Beratung mit dem Reichskanzler – spontan die Zusicherung, dass "Deutschland in gewohnter Bundestreue an unserer Seite stehen werde"3. Dies bedeutete zunächst noch nicht viel, hatte doch der Erste Balkankrieg 1912/13 gezeigt, dass Wilhelms Eifer wirkungslos verpuffen konnte. Entscheidend war die Meinung des Reichskanzlers. Am 6. Juli gab dann auch Bethmann Hollweg Botschafter Szögyény grünes Licht. Es liege an Österreich-Ungarn, zu beurteilen, was geschehen müsse, um das Verhältnis zu Serbien zu klären. Wien könne "hierbei – wie auch immer [die] Entscheidung ausfallen möge – mit Sicherheit darauf rechnen, daß Deutschland als Bundesgenosse und Freund der Monarchie hinter ihr stehe"4. Er betonte weiterhin, dass ein sofortiges Einschreiten Österreich-Ungarns gegen Serbien die beste Lösung sei, zumal die internationale Lage für einen solchen Schritt momentan günstiger scheine als in Zukunft. Dies war der vielzitierte "Blankoscheck", mit dem Berlin den auf einen lokalen Krieg fixierten Bündnispartner, den es bislang im entscheidenden Moment stets zu bremsen verstanden hatte, "losließ". Ein Angriff auf Serbien bedeutete mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einen militärischen Konflikt mit dem Zarenreich. Die Entscheidung über Krieg oder Frieden lag somit in Wien und in Sankt Petersburg, während sich Berlin durch den "Blankoscheck" direkter Mitwirkungsmöglichkeiten beraubt hatte und im weiteren Verlauf der Julikrise erst spät und allzu halbherzig von dieser Haltung abwich. Anstatt selbst zu gestalten und zu lenken, erwartete man fatalistisch die Entscheidung anderer. Dies war ein Abgesang auf die Kunst der Diplomatie.

Warum, so ist zu fragen, trieb Bethmann Hollweg mit dem Blankoscheck die Eskalation so kräftig voran, obwohl er doch seit seinem Amtsantritt 1909 auf Ausgleich und Frieden hingearbeitet hatte? Während der Balkankriege hatte er sich vehement gegen die radikalen Kräfte gestemmt, die einen Angriff der Donaumonarchie auf Serbien unterstützen wollten. Geschickt baute er in dieser Zeit den Draht nach London auf. Noch Ende Mai 1914 hatte der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Gottlieb von Jagow, dem Drängen von Generalstabschef Helmut von Moltke auf einen Präventivkrieg die Stirn geboten. Warum also gab die politische Führung ihre Haltung gerade jetzt auf?

Bethmann Hollweg stand unter dem Einfluss zweier Faktoren, die den Wandel von der friedenssuchenden Politik zur Risikopolitik massiv beförderten: der weit verbreiteten Überzeugung eines unausweichlich bevorstehenden Krieges und der mit Unruhe wahrgenommenen britischen Annäherung an Russland. Ende Mai 1914 waren der Reichsleitung die britisch-russischen Flottengespräche durch eine Indiskretion der russischen Botschaft in London bekannt geworden. Bethmann Hollweg musste erkennen, dass die Hoffnungen, die er auf England gesetzt hatte, offenbar vergebens gewesen waren. Der Draht nach London schien für ein Krisenmanagement nicht mehr tragfähig zu sein, nachdem Großbritannien dabei war, sich militärisch an das Zarenreich zu binden, und offenbar sogar Planungen für eine Landungsoperation in Pommern ausarbeitete. Frankreich und Russland würden in Zukunft durch England nicht mehr zurückzuhalten sein. Fatalismus machte sich breit, war nunmehr doch auch der letzte Trumpf gegenüber der Kriegspartei ausgespielt. Deren Credo von der Unvermeidbarkeit eines großen Krieges, den es angesichts der russischen und französischen Aufrüstung besser jetzt als später zu führen gelte, zeigte nun auch beim Reichskanzler Wirkung. Nachdem die russische Wehrvorlage im Juni 1914 die Duma passiert hatte, vermochte er sich den schlüssig klingenden Argumenten eines Moltke nicht mehr zu entziehen. "Die Zukunft gehört Rußland, das wächst und wächst und sich als immer schwererer Alp auf uns legt"5, äußerte Bethmann Hollweg am Abend des 7. Juli. Sein Widerstand war gebrochen.

Die Reichsleitung war nun entschlossen, Österreich-Ungarn in der "Abrechnung" mit Serbien bedingungslos zu unterstützen. Der einzig noch verbleibende, halbwegs zuverlässige Bundesgenosse sollte als Machtfaktor stabilisiert, der Zerfall der Donaumonarchie oder deren Abwendung von Berlin verhindert werden. Allen Beteiligten war bewusst, dass der zu erwartende österreichische Angriff auf Serbien zu einem gewaltigen Kontinentalkrieg führen konnte. Doch man war bereit, dieses Risiko einzugehen. Falls Russland eine militärische Aktion Wiens gegen Belgrad, möglicherweise auf Druck Frankreichs, tolerierte, würde dies einen großen Prestigegewinn bedeuten. Österreich-Ungarn würde zur Vormacht auf dem Balkan werden, Russland als Großmacht eine schwere Niederlage erleiden, und der Zweibund könnte hoffen, die Entente mit dem Hebel Serbien "auseinanderzumanövrieren".6 Wenn Sankt Petersburg jedoch zum Krieg entschlossen war, dann war es nach Meinung Berlins besser, ihn jetzt zu führen, statt in zwei bis drei Jahren ohnehin einem noch stärkeren Zarenreich gegenübertreten zu müssen. Außerdem bot die Lage im Sommer 1914 den Vorteil, dass sich Wien aus dem möglichen großen Konflikt nicht heraushalten konnte und an Deutschlands Seite fechten musste.

Die weitreichenden Zusagen der Reichsleitung vom 5. und 6. Juli 1914 machten den großen Krieg, wenn auch nicht unumgänglich, so doch sehr wahrscheinlich. Mit der bedingungslosen Unterstützung Wiens bürdete sich Berlin ohne Zweifel eine erhebliche Mitschuld am Kriegsausbruch auf. Sicherlich musste Wien nicht erst zum Krieg gedrängt werden. Günther Kronenbitter hat darauf hingewiesen, dass "die Interessen von Wilhelmstraße und Ballhausplatz konvergierten, ohne daß eine der beiden Seiten manipuliert werden mußte". Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass Österreich-Ungarn ohne die Rückendeckung des mächtigen Bündnispartners niemals militärisch gehandelt hätte – aller Kriegsbereitschaft in Wien zum Trotz.

Aus heutiger Sicht mag der Fatalismus, mit dem Bethmann Hollweg und das Auswärtige Amt spätestens für die Zeit nach Abschluss der russischen Aufrüstung 1916/17 den großen Krieg erwarteten, befremdend anmuten. Der Topos vom "unvermeidlichen Krieg" erzeugte schließlich objektiv das, was er subjektiv voraussagte. Resigniert nahm die Reichsleitung an, dass die Dinge nicht mehr kontrollierbar seien. Doch diese Schwarzmalerei war größtenteils hausgemacht und übertrieben. Es gab keinerlei konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Triple-Entente einen Angriffskrieg gegen das Reich plante. In der Tat ist es mehr als unwahrscheinlich, dass die Entente 1916/17 über das Deutsche Reich hergefallen wäre, zumal sich an dem militärischen Kräfteverhältnis nichts entscheidend verändert hätte. Die deutsche Heeresvorlage von 1913 wäre vollständig umgesetzt worden, während Frankreich die dreijährige Dienstzeit wohl nicht hätte halten können. Wenn die führenden Männer in Berlin und Wien den Frieden hätten bewahren wollen, wäre ihnen dies möglich gewesen, ohne die Integrität des eigenen Staates aufs Spiel zu setzen.

Sönke Neitzel

1 Zitiert nach Carl von Bardolff, Soldat im alten Österreich. Erinnerungen aus meinem Leben, Jena 1938, S. 177. [1]

2 Franz Joseph I. an Wilhelm II., 2. Juli 1914, in: Österreich-Ungarns Außenpolitik von der Bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Diplomatische Aktenstücke des österreichischen Ministeriums des Äußeren. Ausgewählt von Ludwig Bittner, Alfred Francis Pribam, Heinrich Srbik und Hans Uebersberger, Bd. 8, Wien / Leipzig 1930, S. 251 (Nr. 9984). [2]

3 Szögyény an Berchtold, 5. Juli 1914, in: ebd., S. 306 (Nr. 10058). [3]

4 Szögyény an Berchtold, 6. Juli 1914, in: ebd., S. 319 (Nr. 10076). [4]

5 Kurt Riezler, Tagebücher, Aufsätze, Dokumente, eingel. und hg. v. Karl Dietrich Erdmann, Göttingen 1972, Eintrag v. 7. Juli 1914, S. 183. [5]

6 Ebd., Eintrag v. 8. Juli 1914, S. 184. [6]