Einführung Vorschlag für ein Deutschland-Programm nach der Kapitulation [„Morgenthau-Plan“], 6. September 1944 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Vorschlag für ein Deutschland-Programm nach der Kapitulation [„Morgenthau-Plan“], 6. September 1944

Einleitung

Selten, wenn überhaupt, zeigen sich Zeithistoriker und Schulbuchautoren derart verstockt wie im Falle Henry Morgenthaus. Seit nunmehr 60 Jahren hält man – von wenigen, an einer Hand abzählbaren Ausnahmen abgesehen – an einer stereotypen Interpretation fest: Henry Morgenthau wollte mit seinem Anfang September 1944 vorgelegten "Plan" zur Zukunft Deutschlands das Land "entindustrialisieren" und in einen "Agrarstaat" verwandeln. Mitunter ist auch von einem "Kartoffelacker" die Rede. Dass auf diese Weise ein von Josef Goebbels in die Welt gesetztes Bild konserviert wird, scheint keiner Rede wert. Originalton Goebbels, 4. Oktober 1944 vor Fabrikarbeitern in der Nähe des Westwalls: "Hass und Rache von wahrlich alttestamentalischem Charakter sprechen aus diesen Plänen, die von dem amerikanischen Juden Morgenthau ausgeheckt wurden. Das industrialisierte Deutschland soll buchstäblich in einen riesigen Kartoffelacker verwandelt werden." In anderen Worten: Morgenthau schien drauf und dran, Millionen Deutsche dem Hungertod auszuliefern und den größten Völkermord aller Zeiten ins Werk zu setzen.

Wer sich von dergleichen Stereotypen löst, wird eine gänzlich andere Geschichte entdecken. Henry Morgenthau Jr. gehörte von November 1934 bis Juli 1945 als Finanzminister der Regierung Franklin Delano Roosevelts an, war aber alles andere als ein typischer Ressortpolitiker. Vielmehr wollte er die Aufmerksamkeit auf eine Frage von übergeordnetem Interesse richten – nämlich wie es gelingen könnte, aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts tragfähige Lehren für die Zukunft zu ziehen. Seit dem Völkermord an den Armeniern – sein Vater war damals amerikanischer Botschafter in der Türkei – empörte er sich über das weltweite Desinteresse an der Ahndung von Genoziden. Und ein Tag im November 1942, an dem ihm erstmals glaubhafte Dokumente über die Vernichtung der europäischen Juden vorgelegt worden waren, sollte sein Leben endgültig verändern. Individuelle Täter zur Rechenschaft zu ziehen und Tätergesellschaften an einer Wiederholung ihrer Grausamkeiten zu hindern, war fortan sein oberstes politisches Ziel.

Als Finanzminister erhielt Morgenthau seit den späten 1930er Jahren Einblick in das Machtgefüge Nazi-Deutschlands. Damit beauftragt, deutsches Kapital in den USA – und nach Möglichkeit auch in befreundeten lateinamerikanischen Staaten – einzufrieren und Kartellverträgen zwischen amerikanischen und deutschen Firmen auf die Spur zu kommen, konnte er sich davon überzeugen, welche Profite die Arisierung abgeworfen hatte, dass deutsche Unternehmer in erheblichem Umfang für die SS spendeten und den Anstoß zur massenhaften Rekrutierung von Zwangsarbeitern gegeben hatten. Ob bei den IG Farben, den Vereinigten Stahlwerken, Krupp, AEG oder Siemens – überall stieß er auf Manager, die das mörderische Programm der Nazis teils gefördert, teils billigend in Kauf genommen hatten. Und die, kaum dass der Krieg begonnen hatte, bereits mit ihren Geschäftspartnern in Übersee Absprachen für die Nachkriegszeit trafen. Je länger er einschlägige Akten studierte, desto mehr fürchtete Morgenthau, dass mit einer Politik des "business as usual" die Chancen für einen stabilen Frieden erneut verspielt würden.

Im Sommer 1944 griff Morgenthau in die Debatte um Deutschlands Zukunft ein. Zahlreiche Memoranden aus dem Außen- und Kriegsministerium erweckten den Eindruck, als wolle man – von kosmetischen Korrekturen abgesehen – die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft nicht antasten und den Nazismus allein mit einem Verbot der NSDAP, SS und SA bekämpfen. Zudem erfuhr Morgenthau von seinem Freund Herbert Pell, der die USA in der "United Nations War Crimes Commission" vertrat, wie intern über eine Bestrafung der NS-Täter diskutiert wurde: Die dort versammelten Juristen hielten in ihrer Mehrheit den Mord an den Juden für eine "innere Angelegenheit" Deutschlands und stellten eine juristische Handhabe in Abrede. Als General Omar Bradley schließlich im August 1944 von einem Ende des Krieges binnen acht Wochen sprach, glaubte sich Morgenthau von der Entwicklung überrollt – und zog die politische Notbremse.

Anfang September 1944 legte Morgenthau dem Präsidenten, der sich auf ein Treffen mit Winston Churchill in Quebec vorbereitete, ein eilig zusammengestelltes Memorandum vor: "Vorschlag für ein Deutschland-Programm nach der Kapitulation". Eingangs schloss er sich den damals geläufigen Plänen einer territorialen Aufteilung an: Ruhrgebiet und Saar als "internationale Zonen" unter Kontrolle der UNO, Abtretung Ostpreußens und Oberschlesiens an die UdSSR bzw. Polen, Aufteilung des restlichen Deutschland in zwei unabhängige Staaten. Anders als die Mehrheit seiner Zeitgenossen jedoch sah Morgenthau den Schlüssel zur "deutschen Frage" im Wirtschaftlichen. Alle Betriebe, die ausschließlich für die Rüstung arbeiteten oder für den Aufbau eines modernen Militärs unverzichtbar waren, sollten zerstört oder demontiert werden – auch um den Preis, dass an der Ruhr nie wieder ein Industriegebiet entstehen könnte. Zweifellos zeigte sich Morgenthau in diesem Memorandum radikaler als je zuvor oder danach. Aber von einer "Entindustrialisierung" aller deutschen Regionen war nicht die Rede. Wie viel chemische oder elektronische Industrie erlaubt oder wo künftig in Deutschland Stahl gegossen werden konnte, sollte zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden. Abschließend forderte Morgenthau, an Winston Churchill anknüpfend, eine unnachgiebige Bestrafung der am Judenmord beteiligten Täter und Tatgehilfen. Damit wollte er zugleich den Anstoß zu einer Revision des Völkerrechts, mithin zu einer juristischen Eindämmung von Terror und Genozid, geben – und jenen Juristen das Leben schwer machen, die bis dato die Arbeit der "United Nations War Crimes Commission" sabotiert hatten und anscheinend keine Konsequenzen aus der Ermordung der europäischen Juden zu ziehen bereit waren.

Wie Morgenthau seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen verstanden wissen wollte, machte er in einer Mitarbeiterbesprechung deutlich. Gefragt, ob er tatsächlich die Verbannung aller Industrien aus dem Ruhrgebiet fordere und damit die Tür zu einem Kompromiss zuschlagen wolle, definierte Morgenthau seine Rolle als die eines Provokateurs. Wenn nicht jemand die Debatte mit einem Paukenschlag eröffne, würden jene die Oberhand behalten, die aus wirtschaftlichen Interessen oder politischer Kurzsichtigkeit über den Anteil der deutschen Industrie am Vernichtungskrieg der Nazis nicht reden wollten. Ihm persönlich ging es nicht um eine "Entindustrialisierung", sondern um eine "industrielle Entwaffnung", also darum, der Nutzung wirtschaftlicher Kapazitäten für militärische Zwecke einen Riegel vorzuschieben. Um dieses Minimum zu erreichen, musste er nach Lage der Dinge aber ein Maximum fordern. Einen verwässerten Kompromiss würde es dann ohnehin geben. So gesehen, war Morgenthaus Vorschlag auch kein "Plan", sondern der Versuch, intern sowie zwischen den Alliierten eine längst überfällige Diskussion zu entfachen. In diesem Sinne war die Bemerkung gegenüber seinen Mitarbeitern zu verstehen: "Lasst irgend einen anderen das Ganze verwässern."

Dass Morgenthau für Kompromisse aufgeschlossen war, zeigte sich in den folgenden Monaten, als er ein um das andere mal Abstriche von seiner ursprünglichen Vorlage machte. Im Frühjahr 1945 konnte er im zähen Ringen mit dem Kriegsministerium eine Besatzungsdirektive ("JCS 1067-8") durchsetzen, die am Ziel einer "industriellen Entwaffnung" und der Entflechtung von Großindustrie und Banken ebenso festhielt wie an einer harten Bestrafung aller Nazi-Verbrechen. Von einer "Entindustrialisierung des Ruhrgebiets" war in dieser Direktive mit keinem Wort mehr die Rede. Und dennoch sprach Morgenthau von einem seiner größten politischen Erfolge. Es sollte sein letzter im Amt sein. Am 12. April 1945 starb Franklin D. Roosevelt. Dessen Nachfolger Harry S. Truman hörte auf Berater, denen nicht Deutschland, sondern die Sowjetunion das eigentliche Problem war. Und die es gerne sahen, dass die Militärregierung unter General Lucius D. Clay sich faktisch weigerte, "JCS 1067-8" anzuwenden – kalkulierte man insgeheim doch bereits mit einem starken Deutschland als "Bollwerk gegen den Kommunismus".

Bernd Greiner

Hinweis: Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
OK Mehr erfahren