Einführung Prinz Max von Baden, Erlaß über die Abdankung Kaiser Wilhelms II., 9. November 1918 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Prinz Max von Baden, Erlaß über die Abdankung Kaiser Wilhelms II., 9. November 1918

Einleitung

Der 9. November 1918 muss als eine der wichtigsten Zäsuren der deutschen Geschichte gelten, denn erstmals wurde Deutschland zu einer Demokratie. Wie aber konnte es zum Sturz der Monarchie kommen? Die Gründe sind vor allem in der sich zuspitzenden Situation im Deutschen Reich zum Ende des Ersten Weltkriegs zu suchen. Wirtschaftliche Not, mehrere Millionen Tote sowie die sich immer nachteiliger entwickelnde Kriegslage führten in Teilen der Bevölkerung zunehmend zu einer Abkehr vom Kaiser und zu verhaltenen Forderungen nach einer Parlamentarisierung, Dieser Wunsch wurde insbesondere von führenden Mitgliedern des Reichstages verfolgt. Der Reichstag hatte gemäß der bismarckschen Reichsverfassung nur sehr eingeschränkte Kompetenzen, lediglich über die Budgetierung konnten die Abgeordneten die Regierung beeinflussen; da aber selbst die SPD den Kriegskrediten von 1914 im sogenannten "Burgfrieden" zugestimmt hatte, war gerade während des Krieges der Einfluss des Reichstages weitgehend verloren gegangen.

Der Anfang vom Ende der Herrschaft Kaiser Wilhelms II. begann mit der Forderung der Obersten Heeresleitung (OHL) unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff nach Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten im September 1918. Die OHL sah sich zu diesem Schritt gezwungen, da die Situation auf dem westlichen Kriegsschauplatz seit dem Kriegseintritt der USA 1917 immer nachteiliger geworden war; zudem stand der einzige verbliebene Verbündete, Österreich-Ungarn, kurz vor dem Zusammenbruch. Die Gefahr eines alliierten Durchbruchs vor Augen, sahen die höchsten deutschen Militärs in der Herbeiführung eines Waffenstillstands die einzige Möglichkeit, eine Verlagerung der Kampfhandlungen auf deutsches Territorium zu verhindern.

Einem Waffenstillstand stand allerdings eine Person im Weg: Wilhelm II. Die Alliierten hatten in Person von US-Präsident Woodrow Wilson eine Abdankung des Kaisers zu einer Grundlage für die Aufnahme von Verhandlungen erklärt. Da die Deutschen in Wilson nach dessen 14-Punkte-Programm jedoch ihren ersten Ansprechpartner sahen – seine Vorstellungen für eine Verständigungen schienen deutlich gemäßigter zu sein als diejenigen in Frankreich und Großbritannien – ergab sich hier ein großes Problem. Die politische Problematik, die der Verbleib des Kaisers an der Spitze des Reiches bedeutete, war vor allem den gemäßigten Politikern des Reichstags bewusst. Die Fortschrittliche Volkspartei etwa forderte den Kaiser am 16. Oktober 1918 erstmals auf, abzudanken und den Weg für Verhandlungen mit den Kriegsgegnern zu öffnen. Nach den Revolten der Matrosen in Kiel forderten auch die SPD (7. November 1918) sowie das Zentrum (8. November 1918) den Thronverzicht von Kaiser und Kronprinz, offenbar auch getrieben von den revolutionären Dynamiken, die sich im Norden entwickelten. Der Kaiser befand sich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in Berlin, sondern im Hauptquartier in Spa, wo er sich in loyaler Umgebung wähnte. Nachdem sich so gut wie alle politischen Kräfte sowie auch große Teile der Bevölkerung von ihm abgewandt hatten, sah er im Militär die letzte Kraft im Reich, die noch zu ihm stand, was angesichts der Matrosenaufstände freilich eine Illusion war. Am 29. September 1918 wurden der Kaiser sowie der Reichskanzler (bis zum 30. September 1918 noch Georg von Hertling) über die militärische Situation aufgeklärt und die Befürchtung geäußert, die Front könnte binnen 24 Stunden zusammenbrechen. Auch Ludendorff war die Problematik bewusst, dass der Kaiser einer Verständigung mit Wilson im Weg stand; seinen Impuls für eine Demokratisierung des Reiches darf man aber nicht so fehlinterpretieren, dass eine Demokratie für das Reich seiner Meinung nach wünschenswert war, sondern vielmehr als den Keim für die spätere Dolchstoßlegende: "Sie [die Parlamentarier] sollen die Suppe jetzt auslöffeln, die sie uns eingebrockt haben."

Nach dem Ende von Ludendorffs "Nervenzusammenbruch" berieten die Generäle und die OHL – immer noch einer der bestimmenden politischen Faktoren im Reich – wie die Situation zu lösen sei. Es wurden zwei Alternativen skizziert, die jeweils Fürsprecher fanden. Zum einen wurde die "Holland-Lösung" diskutiert, d.h. ein Exil des Kaisers in den Niederlanden und damit die Herbeiführung eines Wechsels an der Spitze. Diese Lösung, die von Wilhelm Groener und Hindenburg favorisiert wurde, sollte Heer und Staat stabilisieren sowie ein späteres Vorgehen gegen die Revolution ermöglichen, sowie die volle Kontrolle über das führungslose Heer wiedergewonnen sei. Konservative Generäle – und der Kaiser – dachten hingegen an einen "Marsch auf Berlin" sowie eine Niederschlagung der Revolution, was angesichts der militärischen Situation sowie dem Zustand der Armee kaum durchführbar gewesen wäre. Eine dritte Option, die Herbeiführung einer "Endschlacht" unter Führung des Kaisers (unter eventueller Inkaufnahme des Todes des Monarchen an vordersten Front) wurde nicht ernsthaft erwogen, auch wenn gewisse Planspiele in diese Richtung durchgeführt wurden. Von einem solchen Manöver hätte man sich einen großen Prestigegewinn des Kaisers (bzw. des Kaisertums) versprochen, welcher die Revolution hätte bremsen können.

Fast unbemerkt blieben die Verfassungsänderungen, die das Reich tatsächlich kurzfristig zu einer parlamentarischen Monarchie machten: Ab dem 28. Oktober 1918 war die Regierung allein vom Vertrauen des Reichstages abhängig und stand auf breitem demokratischen Boden, denn am Kabinett Max von Badens waren auch Sozialdemokraten und Zentrumsmitglieder beteiligt. Diese im Kern gewaltige Reform des politischen Systems hatte jedoch letztlich keine Auswirkungen mehr auf die Vorgänge der Revolution, denn der Verfall der Monarchie war zu weit fortgeschritten.

Am 9. November 1918 – dem Tag der Republikverkündung – versuchte der Kaiser, zumindest einen Teil seiner Macht zu retten, indem er die Absicht äußerte, zwar dem Titel des Kaisers zu entsagen, aber König von Preußen bleiben zu wollen. Diese Idee, die im Übrigen mit der Verfassung unvereinbar war, hatte von vorneherein keine Chance auf Erfolg – die Initiative des Kaisers konnte die Entwicklung der Revolution nicht mehr aufhalten. Während man in Spa eine auf diese Formel lautende Abdankungsurkunde entwarf, wurden die Bemühungen des Hofes durch das Eintreffen der Kunde von der Republikausrufung obsolet.

Unmittelbar vor der Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann hatte Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers verkündet sowie sein Amt an den SPD-Wortführer Friedrich Ebert übertragen. Dazu war von Baden zwar nicht legitimiert gewesen, jedoch spielte es im Zuge der Vorgänge des 9. November 1918 keine Rolle mehr, ob der Übergang der Macht legal war oder nicht – das alte System war verschwunden, und die Übernahme der Macht durch Ebert entsprach der politischen Realität, welche durch das Ebert-Groener-Bündnis am 10. November 1918 bestätigt wurde. Die Erklärung Max von Badens hatte folgenden Wortlaut:

"Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind." 1Festzuhalten ist, dass dies keine vom Kaiser selbst verfasste Erklärung war; rein formal hatte Wilhelm II. zu diesem Zeitpunkt also noch nicht abgedankt. Dennoch hatte die Erklärung direkte Auswirkungen für den Kaiser: Sobald ihn die Nachricht der Verkündung seiner Abdankung erreichte, begab sich Wilhelm II. noch am 9. November 1918 in seinem kaiserlichen Zug zur niederländischen Grenze, die er am 10. November 1918 über den Grenzübergang Eijsden überschritt – damit begann sein Exil.

Die formelle, wenngleich de facto nicht mehr erforderliche Abdankung Wilhelms II. erfolgte am 28. November 1918 im niederländischen Amerongen, wo er sich zunächst aufhielt. Der Text der Urkunde lautet:

"Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf die Rechte an der Krone Preussen (!) und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone.

Zugleich entbinde Ich alle Beamten des Deutschen Reiches und Preussens sowie alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Marine, des Preussischen Heeres und der Truppen der Bundeskontingente des Treueides, den sie Mir als ihrem Kaiser, König und Obersten Befehlshaber geleistet haben. Ich erwarte von ihnen, dass sie bis zur Neuordnung des Deutschen Reichs den Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland helfen, das Deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der Anarchie, der Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen.

Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel.

Gegeben Amerongen, den 28. November 1918.

Wilhelm" 2

Wilhelm wollte – so seine eigene Aussage – die Situation im Reich durch seine Abdankung stabilisieren und somit der neuen Regierung helfen. Diese Intention wird aus dem Text der Urkunde durchaus erkennbar. Man kann aber festhalten, dass diese Maßnahme des Kaisers überflüssig war, denn durch den Ebert-Groener-Pakt sowie die Bildung des Rats der Volksbeauftragten bestand kein wirkliches Machtvakuum im Reich. Die Macht war unzweifelhaft auf Friedrich Ebert sowie die anderen Räte übergegangen, das Heer stand loyal zu dieser neuen Regierung. Möglich ist, dass Wilhelm II. seinen Machtverlust letztlich "selbst" gestalten wollte, um zu kaschieren, dass eine Revolution ihn vertrieben hatte.

Wilhelm lebte bis zu seinem Tod 1941 im niederländischen Exil und kehrte nie nach Deutschland zurück. Ein Gesuch der Alliierten, ihn als Kriegsverbrecher auszuliefern, lehnte die niederländische Regierung 1920 ab. Inwieweit Wilhelm tatsächlich echte Hoffnungen auf eine Rückkehr auf den Thron hegte, ist diskutabel, sicher ist aber, dass er sich für eine Restauration zumindest bereithielt. Allenfalls nach der Machtübertragung an Adolf Hitler 1933 dürfte Wilhelm (sowie der Kronprinz) eine Chance gesehen haben, den Thron wiederzugewinnen, allerdings mussten diese vagen Spekulationen nach den abweisenden Äußerungen Hitlers sowie durch das Modell der "Volksgemeinschaft" (als Alternative zur Klassengesellschaft des Kaiserreichs) als Utopie betrachtet werden.

Letztlich bleibt festzuhalten, dass Wilhelm II. die Gefahren für seinen Thron lange Zeit nicht erkannt und dann ignoriert hat. Als er bereit war, Maßnahmen zum Erhalt seines Status einzuleiten, hatten die revolutionären Ereignisse diese Möglichkeiten bereits zunichte gemacht. Die Erklärung der Abdankung Wilhelms, die Max von Baden eigenmächtig herausgab, ist nachhaltig bekannter geworden (und hatte aufgrund ihrer Bedeutung für den 9. November 1918 auch mehr Wirkmacht) als Wilhelms eigene Abdankungsurkunde, die den historischen Ereignissen abermals hinterherlief und keinerlei Auswirkungen auf die politischen Realitäten im Deutschen Reich hatte. Es muss Spekulation bleiben, ob eine frühzeitige Reaktion Wilhelms (noch im September 1918) aus der sich zuspitzende Situation im Reich einen Verbleib als Kopf einer parlamentarischen Monarchie ermöglicht hätte; aufgrund der ablehnenden Haltung der amerikanischen und vor allem der französischen Regierung ist aber davon auszugehen, dass diese so oder so die Abdankung Wilhelms II. zur Bedingung für Frieden gemacht hätten.

Henning Steinhöfel

1 Zit. nach Michalka, Wolfgang u. Niedhart, Gottfried (Hg.), Deutsche Geschichte 1918-1933. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik, Frankfurt am Main 1992, S. 18. [1]

2 Die Thronverzichtserklärung wird verwahrt im GStA Berlin, BPHA Rep. 53 Nr. 203. [2]

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