Einführung Proklamation des Provisorischen Exekutivkomitees des Sowjets der Arbeiterdeputierten, 27. Februar (12. März) 1917 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Proklamation des Provisorischen Exekutivkomitees des Sowjets der Arbeiterdeputierten, 27. Februar (12. März) 1917

Einführung

Im Winter 1916/17 steuerte Rußland einer politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise entgegen. Im Januar / Februar 1917 war der Nahrungsmittelbedarf in GlossarPetrograd und Moskau nur zu 25% gedeckt.1 Vor Brotläden bildeten sich lange Schlangen empörter Bürger. Das stundenlange Anstehen wurde zum meeting, die hier Versammelten waren vor allen Frauen. Dabei war das teuere Brot und Feingebäck noch reichlich vorhanden, die Arbeiter hatten jedoch kein Geld, um es sich zu leisten. Der Anstieg der Preise für Lebensmittel und die Unregelmäßigkeiten in der Belieferung der Städte wurden von Übergriffen auf soziale Rechte der Arbeiter begleitet. Am 8./9. (21./22.) Februar begann der Streik der Arbeiter des I(ora-Betriebes, deren Lohn um 25% gefallen war. Am 16. Februar (1. März) wurde der Betrieb von Truppeneinheiten besetzt. Am 17. Februar (2. März) begann ein spontaner Streik in den Putilov-Werken, der am 21. Februar (6. März) auf das ganze Werk übergriff. Die Streikenden wählten ein Streikkomitee, das sich aus GlossarBolschewiki, GlossarAnarchisten, GlossarLinken Menschewiki und GlossarLinken Sozialrevolutionären zusammensetzte. Am 22. Februar (7. März) traf die Betriebsleitung die Entscheidung, die gesamte Belegschaft zu entlassen. In der Hauptstadt entstand eine kritische Masse aus unzufriedenen Arbeitern. Arbeiter, die unter dem Mangel an Nahrungsmitteln litten, bildeten ein explosives Umfeld. Es fehlte nur noch der "Sprengmeister". Ein Polizeibeamter berichtete:

"Aufgrund des Brotmangels gärt es gewaltig in den Arbeitermassen, die meinen Zuständigkeitsbezirk bewohnen. Man hat mit großen Straßenunruhen zu rechnen. Die Lage ist so gravierend, daß manche Menschen sich bekreuzigen und vor Freude weinen, weil sie nach langem Warten zwei Pfund Brot erhalten haben".2

In dieser Situation konnte der kleinste Funken zur großen Explosion führen.

"Keine einzige Partei bereitete sich auf den großen Umsturz vor", heißt die treffende Bemerkung des Mitgliedes des Provisorischen Exekutivkomitees des Sowjets der Arbeiterdeputierten GlossarN. Suchanov, "Alle träumten nur, hatten Vorahnungen, "spürten"."3 Unter diesen Umständen konnten die Selbstverwaltungsorgane der Arbeiter eine entscheidende Rolle in den revolutionären Ereignissen spielen.

Der Traum von der Revolution trug einen abstrakten Charakter, aber die revolutionären Parteien hatten die im Kalender rot gedruckten Feiertage nicht vergessen. Am 23. Februar nach dem julianischen Kalender (nach dem gregorianischen war es der 8. März) organisierten sozialistische Gruppen Festumzüge anläßlich des Internationalen Frauentages. Den kleinen Demonstrationen der sozialistischen Arbeiterinnen schlossen sich rasch Massen von Frauen an, die in den Schlangen standen. Ihrem Beispiel folgten zahlreiche Mitarbeiter der Putilov- und I(ora-Werke, die kurz zuvor entlassen worden waren. Die Arbeiterinnen der Neva-Textilmanufaktur brachten die Arbeiter der Fabrik "Novyj Lessner" dazu, sich an der Demonstration zu beteiligen. Der Prozess gewann lawinenartigen Charakter. Gewaltige Demonstrationen, die durch einen ständig wachsenden Menschenstrom verstärkt wurden, bewegten sich auf das Stadtzentrum zu, wobei sie unterwegs die teuren Bäckereien demolierten, sie allerdings nicht plünderten.

Am 24. Februar (9. März) stellte der Truppenbefehlshaber des Petrograder Militärbezirks GlossarChabalov der Bevölkerung Brot aus Armeevorräten zur Verfügung, aber die Unruhen kamen damit nicht zum Stillstand. Die Demonstranten trugen Transparente "Nieder mit der Autokratie!". Die Versuche der Polizei, die Ansammlungen auseinander zu treiben, stießen auf Widerstand. Am 23. und 24. Februar (jeweils 8. und 9. März) wurden 28 Polizisten verprügelt.4 Dabei wurde den Arbeitern gelegentlich von GlossarKosaken geholfen, die bisher als Stützte des zarischen Regimes gegolten hatten.

Die spontane Bewegung verlangte nach einer Organisation. Andernfalls wäre der ganze Vorgang nur ein "Brotaufruhr" geblieben. Am 23. und 24. Februar (jeweils 8. und 9. März) fanden rege Beratungen der Vertreter der Arbeiterorganisationen und der sozialistischen Parteien statt. Dabei wurde die Idee geboren, die Erfahrungen des Jahres 1905 zu nutzen und einen Sowjet der Arbeiterdeputierten zu gründen.5 Bereits am 24. Februar (9. März) begannen im Gebäude der GlossarPetrograder Union der Verbrauchergesellschaften die Sowjetwahlen.6

In der Nacht auf den 26. Februar (11. März) verhafteten die Behörden etwa 100 Aktivisten der revolutionären Parteien. Unter den Verhafteten befanden sich die Initiatoren der Sowjetgründung. Indes hat sich die Revolution unabhängig vom Willen der politischen Aktivisten entwickelt. Die Massen "brachten" Hunderte von Agitatoren aus den eigenen Reihen "hervor".

Am 27. Februar (12. März) wurden die Arbeiterunruhen von den Einheiten der Petrograder Garnison unterstützt. Die aufständischen Truppen befreiten politische Gefangene, darunter die Mitglieder der GlossarArbeitergruppe des Zentralen Industriekomitees unter Führung von GlossarK. Gvozdev, die noch im Januar verhaftet worden waren. Unter der Beteilung von linken Abgeordneten und sozialistischen Parteien gründete diese Gruppe das Provisorische Exekutivkomitee des Sowjets, das – durch bereits gewählte Deputierten erweitert – die Organisation der Sowjetwahlen in allen Betrieben in Angriff nahm. Am 27. Februar (12. März) hielt das Provisorische Exekutivkomitee seine erste Sitzung im GlossarTaurischen Palais, im Sitzungsgebäude der Staatsduma, ab.

Die wichtigste Neuerung bei den Wahlen war die Aufnahme der Soldatenvertreter in den Sowjet. Bereits die erste Sitzung des Exekutivkomitees widmete sich der Herstellung der öffentlichen Ordnung, der Organisation der Kriegshandlungen und der Truppenversorgung. Die Aufmerksamkeit, die der Sowjet den Soldatenmassen zollte, war für die Stärkung seines Einflusses entscheidend. Das Provisorische Exekutivkomitee des Sowjets "traf Sondermaßnahmen für die Organisation der Verpflegung der von ihren Kasernen getrennten, verzettelten und obdachlosen aufständischen Truppenteile", erinnerte sich N. Suchanov.7

"Somit verwandelte sich das Taurische Palais nicht nur in einen Militärstab, sondern auch in eine Versorgungsstelle. Dies hat sofort eine praktische Verbindung zwischen dem 'Sowjet' und der Masse der Soldaten geschafften", bemerkte Ol'denburg.8 In kurzer Zeit wurde der Sowjet durch Vertreter der aufständischen Truppeneinheiten erweitert. Die Perspektive, die sich den Führern der Sozialisten mit der Durchsetzung der Kontrolle über die Soldatenmassen eröffnete, zwang sie dazu, privilegierte Normen für die Vertretung der Soldaten in den Sowjets zu schaffen: Eine Truppenkompanie wurde tausend Arbeitern gleichgesetzt. Deshalb verwundert es nicht, daß "auf den Fotographien des Sowjets [...] Militäruniformen das Bild" bestimmten.9. Von Anfang an handelte es sich mehr um einen Soldaten- als um einen Arbeitersowjet. Ein amerikanischer Historiker nennt sie "institutions of popular selfgovernment".10

In das Exekutivkomitee wurden vor allem Führer der links-sozialistischen Gruppierungen gewählt, die den Arbeitern bekannt waren, sowie diejenigen, die während der ersten Sitzung des Sowjets erfolgreiche Reden gehalten haben. Am 28. Februar (13. März) wurde der Bestand des Exekutivkomitees durch Vertreter der (in ihrer Mehrheit gemäßigten) revolutionären Parteien erweitert.

So war in der Stadt ein neues Machtorgan entstanden, das einen engen Kontakt zu den Betrieben, aufständischen Truppeneinheiten, revolutionären Parteien und Organisationen der Arbeiter besaß. Jetzt ging es weder um einen Aufruhr noch um einen politischen Umsturz, sondern um den Machtkampf der breiten sozialen Schichten, mit dem Ziel, die Grundlagen des politischen und gesellschaftlichen Systems des Landes zu verändern, d.h. es ging um eine soziale Revolution.

Aleksandr Šubin

1 Lejberov, I., Rudačenkov, S., Revoljucija i chleb, Moskau 1990, S. 18. [1]

2 Lejberov/Rudačenkov, Revoljucija i chleb, S. 18. [2]

3 Suchanov, N., 1917. Tagebuch der russischen Revolution, Hg. von N. Ehlert, München 1967, S. 18. [3]

4 Ol'denburg, S., Carstvovanie Imperatora Nikolaja II, Moskau 1992, S. 620. [4]

5 Suchanov, N., Tagebuch, S. 23. [5]

6 Tokarev, Ju., Petrogradskij sovet rabočich i soldatskich deputatov v marte-aprele 1917 g., Leningrad 1976, S. 11-12. [6]

7 Suchanov, Tagebuch, S. 45. [7]

8 Ol'denburg, Carstvovanie Imperatora, S. 624. [8]

9 Pipes, R., Die Russische Revolution, Bd. 1, Berlin 1992, S. 502. [9]

10 Rabinowitch, A., Prelude to Revolution. The Petrograd Bolsheviks and the July 1917 uprising, Bloomington 1968, S. 28. [10]

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