Einführung Aufruf An alle Mitglieder der VKP(b)! des Bundes der Marxisten-Leninisten [Brief Rjutins], 21. August 1932 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Aufruf "An alle Mitglieder der VKP(b)!" des Bundes der Marxisten-Leninisten ["Brief Rjutins"], 21. August 1932

Einführung

Die "große Wende" in den Jahren der GlossarIndustrialisierung und GlossarKollektivierung rief in der sowjetischen Bevölkerung massenhafte Unzufriedenheit hervor. Da die GlossarVKP(b) unter den Bedingungen des Einparteistaates zum einzigen "Rückkopplungsdraht" im Staatsgefüge wurde, stand sie unter Druck von seiten der sozialen Schichten außerhalb der Partei, die ihre Interessen über die Parteikanäle durchzusetzen suchten. Diese Schichten leiteten die Signale eines wachsenden Unmuts der "Unterschichten" weiter "nach oben". Hinzu kam, daß die Parteikader sich ebenfalls unzufrieden zeigten, da man ihnen Übertreibungen bei der Umsetzung der Instruktionen aus dem "Zentrum" unterstellte. Der Zusammenschluß der Enttäuschten und Unzufriedenen zu einer legalen Oppositionsgruppe war jedoch nicht möglich und gerade darin bestand eine besondere Gefahr für die regierende Oligarchie – GlossarStalin und seine Mitstreiter konnten nicht wissen, wer tatsächlich auf ihrer Seite stand und wer bereit war, unerwartet gegen sie anzutreten. Sie waren um so mehr gefährdet, als sich die innerparteilichen Auseinandersetzungen im Rahmen einer politischen Struktur abspielten, die wie jede überzentralisierte Struktur zu Palastrevolutionen geradezu einlud. Für den Wechsel des politischen Kurses hätte es genügt, wenn man nur die herrschende Elite austauschte.

Sobald Parteimitglieder Zeugen der Mißerfolge und der Katastrophen des GlossarFünfjahresplanes wurden, vollzogen einige unter ihnen rasch eine Wende nach "rechts". O. Chlevnjuk bemerkte dazu: "Rechte Stimmungen waren zweifellos auch unter einfachen Parteimitgliedern verbreitet. Dies war einer der Gründe für die nächste GlossarParteisäuberung. 1929-1931 wurden etwa 250 000 Personen aus der VKP(b) ausgeschlossen, ein bedeutender Teil von ihnen mußte für die Zugehörigkeit zur Glossarrechten Opposition mit seinem Parteibuch zahlen. Wegen Oppositionszugehörigkeit und Verletzung der Parteidisziplin wurden insgesamt 10% der Ausgeschlossenen "hinausgeputzt" (für Alltagsvergehen – 21,9%). "Hinausgeputzt" wurden klassenfremde Elemente, Doppelzüngler, die ihres Betrugs überführt wurden, diejenigen, die die Parteidisziplin verletzten und die an der Richtigkeit der Parteibeschlüsse zweifelten, "Entartete, die sich mit bourgeoisen Elementen verbunden haben", "Karrieristen", "Egoisten" oder "Moralisch Zersetzte"." Auf diese Säuberung folge fast unmittelbar eine weitere, denn der stalinsche Apparat sondierte erneut die Parteikader.

Ehemalige Mitglieder der Parteiopposition, die besser als andere darauf vorbereitet waren, die Mißerfolge der stalinschen Politik rational zu überdenken, sahen sich nicht außerhalb der Partei. Sie waren überzeugte Kommunisten, viele waren gewohnt, das Kommando zu führen (diese Möglichkeit bot ihnen das Parteibuch). Die Partei allein gab die Möglichkeit, ihre Ansichten in die Praxis umzusetzen. Damit dies möglich wurde, mußte die amtierende politische Führung beseitigt werden, die die Partei in den Untergang führte. Stalin mußte beseitigt werden. Dieses Ziel avisierten oppositionelle Untergrundsgruppen an, die sich in der Partei zu bilden begannen.

Der GlossarBund der Marxisten-Leninisten war eine von diesen Gruppen. Als ihr Gründer fungierte GlossarMartem'jan Nikitič Rjutin (1890-1937), GlossarBolschewik seit 1914. Selbst Bauernsohn, fand er zunächst in Fabriken und Krämerläden Anstellung. Während des Ersten Weltkrieges leistete er seinen Dienst als Fähnrich in der russischen Militärgarnison in Harbin (China). 1917 übernahm er den Vorsitz in der örtlichen Parteiorganisation der Bolschewiki und im GlossarArbeiter- und Soldatensowjet. 1918 wurde er mit dem Truppenkommando im Militärbezirk Irkutsk betraut und wirkte gleichzeitig als stellvertretender Vorsitzender des Exekutivkomitees des Gouvernements Irkutsk. 1919-1921 regierte er das Gouvernement Irkutsk, anfangs als Vorsitzender des Gouvernementsexekutivkomitees der Sowjets, dann als Vorsitzender des Gouvernementskomitees der Partei. Hier bestellte man ihn Anfang 1921 zum Delegierten des X. Parteitages der GlossarRKP(b); als solcher nahm er zusammen mit einer Gruppe von weiteren Delegierten an der Niederwerfung des GlossarKronstädter Aufstandes teil. Nachdem Rjutin einige wichtige Parteiaufträge in Dagestan und anderen Regionen wahrgenommen hatte, wechselte er schließlich zur Parteiarbeit in Moskau. Hier wurde er, seit 1925 erster Sekretär des Bezirkskomitees der VKP(b) Krasnopresnenskij, Mitglied der zentralen Partei- und Staatsnomenklatura. Rjutin nahm am Kampf gegen die Glossarlinke Opposition aktiv teil und war einer von denen, die die Zerschlagung der trotzkistischen Demonstration am 7. November 1927 leiteten. 1928 nahm sein politisches Schicksal eine andere Wendung: Rjtuin wurde wegen Teilnahme an der "rechten Abweichung" seines Amtes enthoben. Doch er gab nicht auf. Ein Jahr darauf trat er mit einer scharfen Kritik gegen die Methoden der Kollektivierung auf. Daraufhin wurde er 1930 aus der Partei ausgeschlossen. In diesem und im folgenden Jahr wurde er wiederholt verhaftet; mit kritischen Äußerungen hatte er dafür den Anlaß geliefert.

Anfang März 1932 bereitete Rjutin zwei Dokumente vor: die Broschüre "Stalin und die Krise der proletarischen Diktatur" und den vorliegenden Aufruf "An alle Mitglieder der VKP(b)!". Am 21. August 1932 versammelten sich er und seine Anhänger – allesamt Partei- und Staatsfunktionäre der untersten Ebene – in Golovino bei Moskau und verabschiedeten die GlossarPlattform des Bundes der Marxisten-Leninisten, der die beiden Dokumente zugrunde gelegt wurden. Der Bund legte eine ausführliche Interpretation der Parteigeschichte vor, die von antistalinschen Positionen ausging, und er erklärte gleichzeitig, daß es notwendig sei, den Kampf gegen Stalin persönlich und gegen seine Gruppe aufzunehmen. Die neue Organisation begann Propaganda zu betreiben und ihre Dokumente zu verbreiten. Über gut funktionierende informelle Verbindungskanäle in der Partei erreichte dieser "Samizdat" GlossarZinov'ev, GlossarKamenev, GlossarUglanov, GlossarSlepkov, GlossarMareckij, d.h. sowohl die Linken als auch die Rechten, die als ehemalige Führer der Opposition bekannt waren. Diese setzten jedoch weder das GlossarCK noch die GlossarCKK davon in Kenntnis. Die Dokumente des Bundes gelangen bis nach Char'kov und möglicherweise auch in andere Städte.

Rjutins Werk wirkte auf einfache Parteimitglieder wie eine Offenbarung. Zahlreiche Katastrophen, die über das Land hereingebrochen waren, wurden hier von einem marxistisch-leninistischen Standpunkt aus dargelegt. Und für alles wurde eine Erklärung gefunden – es handle sich um das verbrecherische Treiben Stalins.

In der Broschüre distanzierte sich Rjutin von GlossarBucharin und gab GlossarTrockij zum Teil recht. Unter Bezugnahme auf GlossarLenins Glossar"Politisches Testament" und die eigene Analyse der Krisensituation in der Partei und im Land kam er zum Schluß: "Die proletarische Diktatur wird von Stalin und seiner Clique sicherlich endgültig zugrunde gerichtet, durch die Beseitigung Stalins eröffnen sich viele Chancen, sie zu retten." Die Unterstützung für Stalin in den Parteimassen sei nicht stabil: "Die Geschichte spielt auch hier mit Stalin einen bösen Streich: Er bringt oben nur die schlimmste Art des kleinbürgerlichen Politikastentums hervor und schafft unten unterdrückte, eingeschüchterte Mannequins". Rjutin war der Meinung, daß die alten Führer der Opposition für den Kampf nicht geeignet seien – dieser sollte von einer Bewegung in den Unterschichten der Partei geführt werden.

Der Aufruf stellte eine komprimierte Zusammenfassung der Broschüre dar: "[Stalin hat] in den letzten fünf Jahren die allerbesten, wahrhaft bolschewistischen Kader der Partei isoliert und aus der Führung entfernt, in der VKP(b) und im ganzen Land seine persönliche Diktatur errichtet, mit dem Leninismus gebrochen, den Weg eines völlig zügellosen Abenteurertums und der wilden persönlichen Willkür betreten und die Sowjetunion an den Rand des Abgrunds gebracht. [...] Keinem auch noch so tapferen und genialen Provokateur wäre etwas besseres eingefallen, wodurch er den Untergang der proletarischen Diktatur herbeiführen und den Leninismus in Mißkredit bringen konnte, als der Führung um Stalin und dessen Clique."

Folgt man Bucharins Worten, die er gegenüber dem GlossarMenschewiken und Emigranten GlossarBoris Nikolaevskij äußerte, so "erklärte Stalin, daß dieses Programm ein Aufruf sei, ihn zu ermorden, und verlangte Rjutins Hinrichtung". Bucharin war bei der Diskussion über Rjutin im GlossarPolitbüro nicht zugegen; unter Bezugnahme auf seine Worte und andere Gerüchte behauptete Nikolaevskij jedoch, daß zwischen den "gemäßigten" Mitgliedern des Politbüros (einschließlich GlossarKirov) und Stalin ein echter Kampf in der Sache Rjutin entbrannt war. O. Chlevnjuk, der die derzeit verfügbaren Quellen analysierte, kam zur plausiblen Feststellung: "Im großen und ganzen lassen die zugänglichen Dokumente keinen anderen Schluß zu, als Nikolaevskijs Bericht über den Zusammenstoß zwischen Stalin und Kirov hinsichtlich Rjutins Schicksals dem Bereich der Legenden zu verweisen, deren es nicht wenige in der sowjetischen Geschichte gibt."

Am 11. Oktober 1932 wurde Rjutin durch das Kollegium der GlossarOGPU zu 10 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Am 2. Oktober 1932 wurde der Beschluß verabschiedet, alle, die von der Existenz des Dokuments gewußt und keine Eingabe gemacht hatten, aus der Partei auszuschließen. 30 Personen wurden im Partei- und Strafverfahren verurteilt. Stalin verzichtete vorläufig auf Massenrepressionen gegen die Unzufriedenen, da man keine genaue Kenntnis hatte, wer die "Rjutin"-Stimmungen teilte. Prominente Vertreter der Opposition distanzierten sich verbal von Rjutin und seinem Dokument. Stalin erhielt jedoch weiterhin Informationen, daß die Gespräche über seine Beseitigung fortgeführt wurden. Noch vor dem "Fall Rjutin" wurde ein "prinzipienloser rechts-linker GlossarSyrcov-Lominadze Block" entlarvt; nach dem "Fall Rjutin" stellte sich bei Aufklärung des GlossarFalles "Ėjsmont-Tomačev" heraus, daß die ehemaligen Oppositionellen nicht wenige Anhänger in der Partei- und Wirtschaftsnomenklatura hatten. Dies bestätigten auch die Gespräche der Parteifunktionäre während des XVII. Parteitages 1934.

Rjutin kam in den Jahren des GlossarGroßen Terrors ums Leben. Er wurde am 10. Januar 1937 erschossen. Der Aufruf "An alle Mitglieder der VKP(b)!" wurde zum ersten Mal in der UdSSR 1988 veröffentlicht. Er wurde populär, da seine Grundsätze durchaus mit der antistalinschen Ideologie übereinstimmten, die die Führer der demokratischen Bewegung vertraten.

Aleksandr Šubin

(Übersetzung aus dem Russ. von L. Antipow)

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