Einführung Erklärung des Generalfeldmarschalls von Hindenburg vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß [Dolchstoßlegende], 18. November 1919 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Erklärung des Generalfeldmarschalls von Hindenburg vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß ["Dolchstoßlegende"], 18. November 1919

Einführung

Noch im Sommer 1918 bemühte sich die deutsche Propaganda eifrig darum, die Bevölkerung von einem baldigen Sieg der deutschen Waffen zu überzeugen: Für dessen Unvermeidlichkeit sprach der GlossarFriedensschluß von Brest-Litovsk, der dem Krieg an der Ostfront ein Ende setzte und Deutschland einen enormen territorialen Zuwachs und einen großen Einflußbereich sicherte. An der Westfront bestand die deutsche Besatzung in Belgien und in Frankreich fort – der Krieg tobte im Ausland, nicht auf deutschem Boden. Daher verwundert es nicht, daß die Ereignisse von November 1918 – der Thronverzicht des Kaisers, die Revolution und die Verkündung einer neuen Staatsform, schließlich die Unterzeichnung des GlossarWaffenstillstandes, mit dem die Niederlage im Krieg anerkannt wurde – sowohl für die Mehrheit der Soldaten an der Front als auch für die Bevölkerung im Hinterland völlig unerwartet kamen.

Der Friedensvertrag, der Deutschland aufgezwungen wurde, widersprach den Bedingungen des Waffenstillstands und den Deklarationen des US-Präsidenten über einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen. Deutschland verlor einen bedeutenden Teil seines Territoriums und sämtliche Kolonien; zudem mußte es sich zu Reparationszahlungen und umfassender Demilitarisierung verpflichten. Darüber hinaus erklärte der Vertrag das Deutsche Reich zum Hauptschuldigen am Ausbruch der Weltkatastrophe. Es waren nicht zuletzt die Kriegsniederlage und die Unterzeichnung des GlossarVersailler Vertrages durch die Regierung der Republik, die den ersten Versuch der Demokratiegründung in Deutschland politisch und kulturell diskreditierten.

Der Militärelite des Reiches und den einfachen Deutschen fiel es schwer, gerade die militärische Niederlage Deutschlands anzuerkennen. Die Gesellschaft bemühte sich darum, dem Geschehen eine für sie akzeptable Deutung zu geben, um auf diese Weise ihre verlorene Einheit wiederherzustellen. Einen der ersten Versuche, der Katastrophe einen Sinn zu geben, unternahm der sozialdemokratische Reichspräsident GlossarFriedrich Ebert, der in seiner Begrüßungsrede für die heimkehrenden Soldaten erklärte, daß nicht der Feind Deutschland besiegt habe, sondern der Krieg wegen der Überlegenheit des Gegners an Truppenzahl und materiellen Ressourcen verloren worden sei. Dieses Deutungsmuster, das die politische Führung der Republik anbot, schlug jedoch im öffentlichen Bewußtsein keine Wurzeln.

Die Beschuldigungen, den Krieg angezettelt zu haben, führten zur Einrichtung einer Reihe von Parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, die das Ziel verfolgten, Deutschland freizusprechen und im Gegenzug die Schuld der Alliierten nachzuweisen. Der zweite Untersuchungsausschuß stellte Nachforschungen über die Ursachen und Umstände an, die zur Ablehnung der Friedensangebote während der Kriegshandlungen geführt hatten. Die Konsequenz, die man aus der ersten Untersuchung zog, war, daß Vertreter der ehemaligen Regierung und der GlossarObersten Heeresleitung, Kanzler GlossarTheobald von Bethmann Hollweg, Vizekanzler GlossarKarl Helfferich, Generalfeldmarschall GlossarHindenburg und General GlossarErich Ludendorff vor den Ausschuß zitiert wurden. Bereits während der Vernehmung Helfferichs kam es zu einem handfesten Skandal, da er ein Ausschußmitglied, einen Vertreter der GlossarUSPD, beschuldigte, Schmiergelder von der sowjetischen Regierung für die Vorbereitung der Revolution in Deutschland erhalten zu haben. Die Ankunft des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg in Berlin, der sich während des Krieges den Ruhm des "Siegers von Tannenberg" erworben hatte und gegen Kriegsende zu einer Art "Ersatzkaiser" avanciert war, wurde mit Pomp begangen: Vor dem Sonderzug erschien eine Ehrenwache der Reichswehr, die den Feldmarschall während seines Aufenthaltes in der Hauptstand beschützte.

Am 18. November 1919, am Tag seiner Rede, waren in dem überfüllten Sitzungssaal des Parlamentarischen Ausschusses Vertreter der deutschen und der internationalen Presse zugegen. Der Platz, der für den Generalfeldmarschall bestimmt war, war mit einem Chrysanthemenstrauß geschmückt, auf dem eine schwarz-weiß-rote Schleife flatterte. Der Saal begrüßte Hindenburg, der in einer Paradeuniform erschien, im Stehen.

In seiner Erklärung rechtfertigte der Generalfeldmarschall die Maßnahmen der Dritten Obersten Heeresleitung, wobei er die Aufmerksamkeit der Zuhörer darauf lenkte, daß er und Ludendorff erst zwei Jahre nach Kriegsbeginn ihr Amt angetreten und eine faktisch aussichtslose Situation geerbt hatten, nachdem die Chancen, die der GlossarSchlieffen-Plan angeblich bot, endgültig vertan worden waren und die Überlegenheit der Entente an materiellen Ressourcen offensichtlich geworden war.

In seiner Rede appellierte Hindenburg an feste Stereotypen, die während des Krieges im öffentlichen Bewußtsein Deutschlands weit verbreitet waren, nationale Einheit stifteten und von den Zuhörern vermutlich als Wahrheitsoffenbarung aufgefaßt werden konnten. So hatte die Erwähnung zahlreicher Feinde die Zuhörer auf das Bild Deutschlands verwiesen, das von einer "Welt von Feinden" umzingelt sei – ein Bild, das die Unvermeidlichkeit des Krieges und den Griff der politischen und militärischen Führung des Landes nach Präventivmaßnahmen rechtfertigte.

Hindenburg hob insbesondere den neuen Charakter des vergangenen Krieges hervor, zu dessen Eigenarten ein beispielloser Anstieg der Truppenzahlen, die entscheidende Rolle der Technik und die Abhängigkeit der Kampfstärke des Staates von seiner Wirtschaftskraft zählten. Bei allen genannten Qualitäten handelte es sich um Bestandteile der gegen Kriegsende und insbesondere in der Zwischenkriegszeit verbreiteten Konzeption des "totalen Krieges", zu deren Popularisierung zu einem bedeutenden Teil General Ludendorff beitrug. Insbesondere der neue Charakter des Krieges, so Hindenburg, habe die außerordentlichen Maßnahmen der Obersten Heeresleitung an der Front und im Hinterland gerechtfertigt.

Es scheint kein Zufall gewesen zu sein, daß Hindenburg an die Autorität des Generals GlossarCarl von Clausewitz, des berühmten deutschen Militärtheoretikers der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, appellierte. Seine Abhandlung "Vom Kriege" wurde für die Offiziere des deutschen Generalstabs zu einer Art Bibel, die sie der deutschen Militärdoktrin zugrunde legten. Auf Clausewitzs Einfluß war es zurückzuführen, daß die deutsche Heeresleitung moralische Eigenschaften wie den Geist der Armee und das Militärgenie der Feldherren als entscheidende Faktoren betrachtete. Indem Hindenburg Clausewitz' berühmte Definition zitierte, daß der Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, sprach er die militärische Elite des Kaiserreiches von den Beschuldigungen, den Krieg angezettelt zu haben, frei und belastete damit zugleich die zivilen Politiker. Die Oberste Heeresleitung, die nach den Worten des Feldmarschalls keinen Krieg gewollt habe, sei zur Geisel der Fehlentscheidungen geworden, die die politische Führung des Reiches getroffen hatte, und ihr Handeln habe ausschließlich gute Vorsätze gehabt: innerhalb von kürzester Zeit den Krieg zu beenden und die Entwicklung des Landes in friedliche Bahnen zu lenken. Ein Beweis für die Möglichkeit eines erfolgreichen Kriegsausgangs für Deutschland waren die angeblich "glänzenden Siege", die er und Ludendorff an der Ostfront, vor allem in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen, errungen hatten.

Indem Hindenburg die deutschen Militärs von der Verantwortung für den Kriegsausbruch freisprach, befreite er den "guten Kern des Heeres" und das Offizierkorps auch von der Schmach der Niederlage. Damit belastete er, wie es inzwischen Tradition war, die Parteien, die die Einheit des Volkes untergraben würden, insbesondere aber die Revolutionäre, die die Flotte und das Heer "planmäßig" zersetzt hätten. Dabei stützte der Generalfeldmarschall seine These, daß der deutschen Armee ein verräterischer Dolchstoß in den Rücken versetzt worden sei, durch den Verweis auf eine angebliche Aussage des englischen Generals GlossarMaurice, die diesem von einem Korrespondenten der "Neuen Züricher Zeitung" noch im Dezember 1918 zugeschrieben worden war.

Zum Schluß seiner Rede versuchte Hindenburg, die Autorität seines Stabchefs und Mitinitiators der durchgeführten Kriegsmaßnahmen, General Ludendorff, wiederherzustellen, indem er sich im gleichen Maße verantwortlich für alle Beschlüsse erklärte, die von der dritten Obersten Heeresleitung gefaßt worden waren. Dieser taktische Griff entsprach vollkommen dem Ehrenkodex eines preußischen Offiziers und dem Prinzip der Verantwortung des Vorgesetzten für die Handlungen seines Untergebenen.

Allgemein herrschte die Ansicht, daß es den Vertretern der Militärelite des Reiches dank der Erklärung, die Hindenburg abgegeben hatte, gelungen war, den Repräsentanten der neuen republikanischen Staatsordnung eine schwere Niederlage zuzufügen. Zeitzeugen betonten das tiefe Mißtrauen der Militärs gegenüber dem Parlamentsforum und die Unentschlossenheit der Ausschußmitglieder angesichts der Autorität des Generalfeldmarschalls. In Anbetracht der positiven Aufnahme der Erklärung äußerten ausländische Journalisten ihre Zweifel an der politischen Zweckmäßigkeit des Prozesses. Fortan fristete der Zweite Untersuchungsausschuß ein Schattendasein, und seine Gutachten wurden in der Presse weitgehend verschwiegen.

Die eigentliche Dolchstoßthese war Gegenstand der Verhandlung im Vierten Untersuchungsausschuß, der sich zum Ziel gesetzt hatte, festzustellen, welches Ausmaß die sozialen und moralischen Erosionsprozesse im Hinterland erlangt, welchen Einfluß sie auf die Armee und die Marine ausgeübt, und ob die Annexions- und Revolutionspropaganda sich auf den Kampfgeist der Truppen demoralisierend ausgewirkt hatten. Die Ergebnisse der Untersuchung, die der Militärführung zahlreiche Fehlentscheidungen nachweisen konnte, wurden jedoch der breiten Öffentlichkeit ebenfalls verschwiegen.

Die Dolchstoßlegende, die der politischen Führung im Hinterland die Schuld für die Niederlage gab, paßte gut in die politische und geistige Atmosphäre der Weimarer Republik. Sie bot die letzte Legitimation für soziale und politische Feindbilder, zu denen man Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten, linke Intellektuelle und Frauen erklärte. Während der gesamten Zeit der Republik wurde der Mythos von konservativen Kreisen gnadenlos instrumentalisiert, die sich darum bemühten, die Republik als Staatsform sowie ihre wenigen Anhänger in Mißkredit zu bringen. Am meisten waren für diese Erklärung der Kriegsniederlage die Frontsoldaten empfänglich, da sie dem Kampf, der ihnen ihre Jugend geraubt hatte, einen Sinn gab.

Seit den 1950er Jahren bewerten Historiker, die sich mit der Novemberrevolution und der Weimarer Republik beschäftigen, die Dolchstoßlegende vom Standpunkt ihrer liberalen Kritiker aus, bemühten sich, ihre Apologeten zu widerlegen und ihren negativen Einfluß auf die geistige Atmosphäre und die politische Lage in der ersten deutschen Demokratie nachzuweisen. In jüngsten Untersuchungen unternahmen Historiker den Versuch, die äußerst komplexe Entstehungsgeschichte des Dolchstoßtopos zu rekonstruieren. Sie zeigten, daß Deutungsmuster der Soldatenerfahrungen, die der Dolchstoßlegende sinnverwandt waren, lange vor dem plötzlichen Kriegsende entstanden waren. Die Feldpost der Soldaten belegt die negative Schutzreaktion der Armee in den Jahren 1917/1918 auf die Veränderung der innenpolitischen Lage. Bereits während des Aprilstreiks 1917 entstanden Ansätze für die Konfrontation zwischen der Front und dem Hinterland; zu diesem Zeitpunkt gewann die Dolchstoßrhetorik ihre Form, wobei sie sich in der Bewertung der Bürger im Hinterland als Verräter artikulierte; im Januar 1918 bezeichnete die Frontpresse schließlich die Streikenden als "Brüdermörder". Im Unterschied zu einer späteren Version der Dolchstoßlegende wurde den Soldaten jedoch eingeschärft, daß ein Sieg Deutschlands sogar dann möglich sei, wenn das Hinterland den Truppen seine Unterstützung verweigere. Neuere Untersuchungen zeigen, wie sehr sich der Inhalt der Dolchstoßlegende im Zuge der Ereignisse der Novemberrevolution, in der labilen Frühphase der Republik und in der Phase ihrer Stabilisierung veränderte, und wie sie in der Zeit des Nationalsozialismus instrumentalisiert wurde. Außerdem zeigt die Rezeption der Legende in unterschiedlichen gesellschaftlichen und ethischen Milieus, daß es viele "Dolchstöße" gegeben hatte.

Die Auseinandersetzungen über den "Dolchstoß" trugen auch unabhängig von der Tätigkeit der Untersuchungsausschüsse weiterhin zur Destabilisierung der politischen Situation in der Weimarer Republik bei. 1924 wurde der erste Präsident der Republik, Ebert, vor Gericht gestellt und wegen seiner Teilnahme an Streikmaßnahmen im Januar 1918 des Hochverrats angeklagt. Nicht zuletzt diese Verhandlung war die Ursache für seinen frühen Tod. 1925, also nur ein Jahr später, fand in München der sogenannte "Dolchstoßprozeß" statt, der durch die Privatklage des Herausgebers der Zeitung "Süddeutsche Monatshefte", GlossarP. Cossmann, gegen den Chefredakteur der sozialdemokratischen Zeitung "Münchener Post", GlossarМ. Gruber, initiiert wurde. Während der Gerichtsverhandlungen bestätigte General GlossarWilhelm Groener, daß die Oberste Heeresleitung und die MSPD-Führung im November 1918 in Eintracht gehandelt und sich um die Rettung des Staates bemüht hatten. Auf diese Weise wurde die Haltlosigkeit der Legende vom verräterischen Dolchstoß der Sozialdemokratie juristisch nachgewiesen. Dies minderte jedoch nicht die Bedeutung dieses Mythologems als Waffe der Agitation gegen die Republik. Dies umso mehr, als im gleichen Jahr jener Mann zum Präsidenten gewählt wurde, der ihr zum Leben verholfen hatte, nämlich Generalfeldmarschall von Hindenburg.

Die Dolchstoßlegende war auch für einige innenpolitische Maßnahmen des Dritten Reiches von Bedeutung. So hatte der Mythos von Deserteuren und Selbstsüchtigen, die im November 1918 zusammen mit dem revolutionären Hinterland der Armee angeblich den Stoß in den Rücken versetzt hatten, die Militärführung des nationalsozialistischen Deutschlands dazu veranlaßt, bereits 1934 das Militärtribunal wiedereinzuführen, um einer Wiederholung der Novemberereignisse vorzubeugen.

Oksana Nagornaja

(Übersetzung aus dem Russ.: L. Antipow)

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