Einführung Vertrag über gegenseitigen Beistand zwischen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und der Tschechoslowakischen Republik, 16. Mai 1935 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Vertrag über gegenseitigen Beistand zwischen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und der Tschechoslowakischen Republik, 16. Mai 1935

Einführung

Der sowjetisch-tschechoslowakische Beistandsvertrag folgte fast dem gleichen Muster wie der Glossarsowjetisch-französische Beistandsvertrag vom 2. Mai 1935, war jedoch seinem Charakter nach etwas "förmlicher". Die tschechoslowakische Seite bestand darauf, daß die Grundsätze des Unterzeichnungsprotokolls, die sich auf den Glossarsowjetisch-tschechoslowakischen Nichtangriffsvertrag von 1932 bezogen, in den Haupttext des Vertrages aufgenommen wurden. Der Beistandsvertrag war ein Produkt der diplomatischen Anstrengungen vom GlossarVolkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR GlossarMaksim Litvinov, von dessen zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen französischen Kollegen GlossarJean Louis Barthou sowie von dessen Nachfolger GlossarPierre Laval – ein heimlicher Feind des Glossar"Ostpaktes". Den Schlüssel zum sowjetisch-tschechoslowakischen Beistandsvertrag bildet der Punkt 2 des Unterzeichnungsprotokolls. Er spricht von den Befürchtungen der UdSSR, in einen Krieg ohne die Unterstützung Frankreichs einbezogen zu werden, und von den gleichzeitig vorhandenen Befürchtungen der Tschechoslowakei, in die Einflußsphäre der UdSSR zu geraten.

Der Vertrag als solcher ruft keine großen Auseinandersetzungen unter den Historikern hervor. Seine Bewertung hängt von der der internationalen Lage in den Jahren 1934-1938 ab. Die meisten Autoren sind sich einig, daß der Vertrag für das sowjetisch-französische Bündnis eine untergeordnete Bedeutung besaß und daß die Tschechoslowakei nicht frei entschied, sondern unter dem starken Einfluß Frankreichs stand. Man geht außerdem davon aus, daß der damalige Präsident der Tschechoslowakei GlossarEdvard Beneš um eine Kooperation mit der UdSSR aufrichtig bemüht war.

Was die Haltung der sowjetischen Seite angeht, so meinen Historiker wie S. Sluč, daß die Politik der UdSSR gegenüber der Tschechoslowakei nicht aufrichtig gewesen sei. Zwar habe die Sowjetunion 1935 bei der Unterzeichnung des Beistandsvertrages der Tschechoslowakei ihre Hilfe zugesichert, die zunächst davon unabhängig war, ob vergleichbare Verträge mit Polen und Rumänien zustande kamen. Doch einige Zeit später habe sie ihr Versprechen revidiert und darauf hingewiesen, daß sich ihr Vorgehen unter Rücksichtsnahme auf die "unvermeidlich beschränkten Möglichkeiten" gestalten werde. Diese "grundsätzliche Wende" in der sowjetischen Tschechoslowakeipolitik habe, so Sluč, 1938 stattgefunden.

War es denn in der Tat so, daß sich die UdSSR 1938 weigerte, der Tschechoslowakei Hilfe zu leisten? Vieles spricht dafür, daß sie mit dem Hinweis auf die "unvermeidlich beschränken Möglichkeiten" weniger die Veränderung ihres politischen Kurses gegenüber der Tschechoslowakei signalisierte, als auf die Umstände hinwies, die seiner praktischen Umsetzung im Wege standen.

Dazu gehörte, daß die sowjetischen Truppen die ČSR nur über das Territorium anderer Länder erreichen konnten, die ihnen den Durchmarsch verweigerten. Ein weiteres Hindernis war die politische Haltung der tschechoslowakischen Regierung gegenüber der UdSSR, Deutschland und den Westmächten – nicht zuletzt ihre Weigerung, das Hilfeangebot der sowjetischen Seite anzunehmen.

Andererseits: Wenn es der UdSSR nur um ihr Image ging, ist es unverständlich, weshalb sie sich überhaupt um die Erlaubnis zum Durchmarsch bemühte, indem sie die Franzosen und die Engländer bat, auf ihre Verbündenten Rumänien und Polen Druck auszuüben und weshalb sie Garantien für die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten gab. Mehr noch: Die UdSSR drohte Polen, daß der Glossarsowjetisch-polnische Nichtangriffsvertrag im Falle eines bewaffneten Überfalls auf die ČSR aufgelöst werde. Hinzu kommt, daß die UdSSR an der Grenze zu Polen 6 Armeegruppen zusammenzog, die sich darauf vorbereiteten, sowohl gegen die Deutschen als auch – wenn es notwendig sein würde – gegen die Polen anzutreten. Ende September 1938 wurde ein Teil der Truppen des Kiever, des Weißrussischen und anderer Militärbezirke in Kriegsbereitschaft versetzt. 328 700 Personen wurden aus der Reserve zum regulären Dienst eingezogen. Am 28. September 1938 berichtete der GlossarVolkskommissar für Verteidigung der UdSSR der politischen Führung von der Bereitschaft, 548 Militärflugzeuge in die ČSR zu verlegen. Insgesamt waren im Westen des Landes 2 690 Flugzeuge zusammengezogen – ein nach den Maßstäben der damaligen Zeit beeindruckendes Potential.

Diese Vorgehensweise der UdSSR kann keineswegs als bloße "Demonstration" bezeichnet werden. Wie 1935 pflegte die UdSSR 1938 weiterhin ernsthafte Absichten, ein System der Glossar"kollektiven Sicherheit" in Europa zu schaffen. GlossarStalin hoffte bis zum letzten Moment, daß sich ihm eine Chance bieten werde, in den Sudetenkonflikt einzugreifen und die Tschechoslowakei zu unterstützen. Er wollte die Truppen der GlossarRoten Armee in die Tschechoslowakei einmarschieren lassen und sich auf diese Weise an der Regelung der wichtigsten Probleme der europäischen Politik beteiligen, denen er sich ohnehin stellen mußte. Doch die sowjetische Seite konnte nur dann ihre Beistandsverpflichtung wahrnehmen, wenn auf der tschechischen Seite die Entschlossenheit bestand, den Kampf gegen Deutschland aufzunehmen.

Nachdem sich die Konfrontation zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei in der Sudetenfrage zugespitzt hatte, erklärte der Ministerpräsident Frankreichs GlossarEdouard Daladier am 12. Juni 1938 feierlich, daß die französischen Verpflichtungen gegenüber der Tschechoslowakei "heilig" seien. Es schien, als könnten die Verträge über gegenseitigen Beistand die deutsche Aggression noch aufhalten. Doch zur gleichen Zeit teilte der britische Premierminister GlossarChamberlain Berlin auf inoffiziellem Wege mit, er hätte nichts dagegen, wenn das Sudetengebiet an Deutschland fallen würde, dies solle jedoch auf dem "zivilen Wege" eines Referendums geschehen. Aus Polen war ebenfalls zu vernehmen, daß es Ansprüche an die ČSR habe und daß es einen Durchmarsch der Truppen der Roten Armee über sein Territorium in die Tschechoslowakei kaum zulassen würde. Obwohl ein solcher Transfer – sofern er dem jeweiligen Land gestattete, seiner Verpflichtung zur Verhinderung einer Aggression nachzukommen – in Artikel 16, Punkt 3 der Völkerbundsatzung vorgesehen war, war ein Widerstand von seiten Polens und Rumäniens gegen dessen Praktizierung zu erwarten, da ihnen die territorialen Ansprüche der UdSSR aus der Zeit des Bürgerkrieges gegenwärtig waren.

Die politische Führung der Tschechoslowakei hatte ihrerseits Befürchtungen bezüglich der sowjetischen Einmischung in den Konflikt. So meinte Beneš gegenüber dem britischen Botschafter: "Die Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und Rußland hatten stets eine zweitrangige Bedeutung und werden sie auch weiterhin haben, wobei sie von der Haltung Frankreichs und Großbritanniens abhängig sein wird. Das gegenwärtige Bündnis zwischen der Tschechoslowakei und Rußland hängt völlig vom französisch-russischen Vertrag ab; wenn Westeuropa das Interesse an Rußland verliert, wird die Tschechoslowakei es ebenfalls verlieren."

Die Sowjetunion spielte zu diesem Zeitpunkt den "Kampf gegen die deutschen Aggressionspläne" als ihren wichtigsten außenpolitischen Trumpf aus. Welche Ziele auch immer sie dabei verfolgte, wirkt ihre Einschätzung der deutschen Gefahr auch heute noch überzeugender als die des Westens. Litvinov sagte zum Außenminister Großbritanniens GlossarEdward Halifax, daß "England einen großen Fehler begeht, indem es GlossarHitlers Argumente für eine bare Münze nimmt. Er versucht den Eindruck zu erwecken, als gehe es in der Tat nur um die Rechte der Sudetendeutschen, sobald deren Rechte erweitert werden, ist die Gefahr beseitigt. In der Tat aber interessieren die Sudetendeutschen Hitler genauso wenig wie die Tiroler Deutschen. Es geht um die Eroberung von Raum sowie strategischer und ökonomischer Positionen in Europa." Im Grunde genommen paßten Hitlers Absichten, sein Reich nach Osten zu erweitern, den Engländern durchaus ins Konzept.

Die Haltung der Franzosen war komplizierter. Die Osterweiterung Deutschlands, die Verstärkung seiner Rohstoffbasis und das Wachstum seiner Bevölkerung (und somit auch seines Mobilisierungspotentials), ließ die Gefahr für die Ostgrenzen Frankreichs wieder real werden. Hitler konnte erneut Ansprüche auf Elsaß und Lothringen erheben, die Frankreich 1918 mit dem Sieg im Ersten Weltkrieg zurückeroberte. Die französischen Militärs warnten Daladier, die Chancen Deutschlands, einen Angriff der Alliierten vom Westen aus erfolgreich zu überzuleben, seien gering. Doch die Politiker dachten nicht alleine an die militärische Seite des Unternehmens, sondern auch an die Stimmungen ihrer Wählerschaft. In Anbetracht der budgetären Notlage wollten die Einwohner Westeuropas an Mobilisierung, Luftangriffe und neue finanzielle Belastungen erst recht nicht denken.

Von diesen Stimmungen innerhalb der politischen Spitze Frankreiches wußte man in Deutschland nichts. Hochrangige Militärs zweifelten an den Führungsqualitäten Hitlers und befürchteten, die Niederlage gegen Frankreich werde unvermeidlich sein, falls Hitler die Hauptkräfte der Wehrmacht gegen die tschechische Militärbastionen richte. Hätten Großbritannien und Frankreich eine entschiedene Haltung eingenommen, wäre Hitler dem Untergang geweiht gewesen. Doch Großbritannien und Frankreich verstärkten ihren Druck nicht auf Deutschland, sondern auf die Tschechoslowakei, in der Hoffnung, Hitlers Aggressionsenergien auf den Osten umleiten zu können.

Nach Beratung mit seinen westlichen Verbündeten gab Beneš allen Forderungen der Sudetendeutschen (mit Ausnahme des Austritts des Sudetenlandes aus dem Staatverband der Tschechoslowakei) statt. Die Deutschen erhielten eine breite politische und kulturelle Autonomie. Für Hitler war dies eine unangenehme Nachricht, denn auf die rechtliche Benachteiligung der Deutschen im tschechoslowakischen Staat konnte man fortan nicht mehr spekulieren. Am 7. September 1938 brach der Führer der Sudetendeutschen, Henlein, alle Verhandlungen mit den tschechoslowakischen Machtstellen ab. Der Geist des Krieges schwebte über Europa.

Doch immer offensichtlicher wurde, daß Großbritannien die französischen Garantieverpflichtungen für Versailles nicht mittragen wollte. Auch die Franzosen selbst waren nicht abgeneigt, auf den blutigen Kampf gegen den Aggressor zu verzichten.

Auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise schickte Chamberlain Hitler ein Telegramm mit dem Vorschlag, sich persönlich zu treffen, um "im Gespräch mit ihm zu klären, ob es noch irgendeine Hoffnung gibt, die Welt zu retten" – die Engländer wankten. Das Ergebnis der Beratungsgespräche, die wegen der Unnachgiebigkeit Hitlers wiederholt unterbrochen wurden, war das GlossarMünchner Abkommen. Es wurde am 30. September 1938 unterzeichnet und schrieb die Aufteilung der Tschechoslowakei fest.

Die Sowjetunion wartete bis zum letzten Augenblick darauf, daß Beneš zumindest um die Hilfe der sowjetischen Luftwaffe bitten werde. Doch die tschechoslowakische Führung wagte keinen militärischen Konflikt mit Deutschland. Ohne die Einmischung Frankreichs verlor der Beistandsvertrag von 1935 seine Wirkungskraft und ohne die Bitte der Tschechoslowakei um militärische Hilfe auch jeden Sinn. Die Konsequenz war das Scheitern der Politik der "kollektiven Sicherheit". Die UdSSR geriet in außenpolitische Isolation, und die Tschechoslowakei verschwand ein halbes Jahr später von der Karte Europas.

Natalija Gerulajtis

(Übersetzung aus dem Russ. von L. Antipow)

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