Einführung Adolf Hitler, Politisches Testament, 29. April 1945 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Adolf Hitler, Politisches Testament, 29. April 1945

Einleitung

Adolf Hitlers "Politisches Testament" entstand in den frühen Morgenstunden des 30. April zu einem Zeitpunkt, als unweit des "Führerbunkers" bereits die letzten Gefechte im Regierungsviertel stattfanden. Nur zehn Tage zuvor, am 20. April – Hitlers 56. Geburtstag – hatte die Rote Armee durch Fernfeuer die Schlacht um Berlin eröffnet und damit den letzten Akt des vom "Führer" entfesselten Krieges eingeläutet. Zuvor hatte Hitler angesichts des Todes des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt noch die illusorische Hoffnung gehegt, mit dessen Nachfolger Harry S. Truman einen Friedensvertrag aushandeln und den Krieg noch mal wenden zu können. Diese Erwägung zerschlug sich indes schnell. Der Angriff auf die Hauptstadt – nach den Fliegerbomben lag die Stadt nun auch unter Artilleriebeschuss – ließ in der unterirdischen Schaltzentrale des Reiches bald kaum noch einen Zweifel über den Ausgang dieses Kampfes übrig – ausgenommen beim notorisch wankelmütigen Hitler, dessen Stimmungen zunehmend zwischen Euphorie und Depressionen hin- und her schwankten. Am 22. April 1945 erklärte Hitler seinem obersten General Wilhelm Keitel gegenüber die Absicht, in Berlin das Ende der Kämpfe zu erwarten. Bei einer Lagebesprechung am selben Tag äußerte Hitler angesichts des Zusammenbruchs der Verteidigungslinien an der Oder und dem Vormarsch der Sowjetarmee in die Hauptstadt hinein die feste Absicht, sich zu erschießen, sollte die Hauptstadt nicht durch die Wehrmacht verteidigt werden können.

Innerhalb kürzester Zeit kehrten in diesen Tagen viele von Hitlers vormals treuen Gefolgsleuten ihrem "Führer" den Rücken; nach der improvisierten Geburtstagsfeier am 20. April 1945 verließen die meisten von ihnen Berlin. Hermann Göring und Heinrich Himmler wurden in den Augen Hitlers sogar zu Verrätern, indem sie versuchten, die Macht an sich zu reißen (Göring) bzw. den Alliierten die Kapitulation anzubieten (Himmler), wofür beide von ihren Ämtern enthoben und mit der Hinrichtung bedroht wurden. Zu diesem Zeitpunkt war Hitler – den Schilderungen der überlebenden Bunkerinsassen zufolge – kaum noch Herr seiner Sinne, die paranoiden Vorwürfe des Verrats an seiner Person sowie cholerische Anfälle häuften sich zunehmend. Am 25. April 1945 war der Ring um Berlin schließlich geschlossen, eine Flucht aus der Hauptstadt illusorisch; die wenigen in Berlin vorhandenen Truppen sowie der notdürftig von Goebbels aufgestellte und kaum ausgerüstete "Volkssturm" konnte der Roten Armee im Häuserkampf nichts mehr entgegensetzen. Nach kurzen vier Tagen erreichten die russischen Soldaten den Kern Berlins und das Regierungsviertel. Am 29. April 1945 erreichte Hitler auch die Kunde von der Ermordung und öffentlichen Schändung der Leichen Benito Mussolinis und seiner Geliebten, was seinen Entschluss zum Suizid – um einer ähnlichen Schande zu entgehen – bestärkt haben könnte. Die sich zuspitzende Situation im Regierungsviertel führte auch innerhalb des Bunkers zu einer immer direkteren Entwicklung in Richtung Ende: Erst heiratete Hitler seiner langjährige Gefährtin Eva Braun, dann diktierte er seiner Sekretärin Junge ein kurzes persönliches Testament (einige Darstellungen lassen dies auch vor der Trauung geschehen, was aber letztlich unerheblich ist) sein persönliches Testament ist äußerst kurz und vermacht allen Besitz der Partei bzw. dem Staat und begründet seinen Selbstmord mit der Intention, "der Schande des Absetzens oder der Kapitulation zu entgehen."

Kurz nach Mitternacht des 30. April 1945 begann Hitler mit dem Diktat seines politischen Testaments, welches sich bis 4:00 Uhr (Zeitpunkt der Unterzeichnung) hinzog. Man kann das Dokument inhaltlich in zwei wesentliche Teile gliedern: Der erste Teil umfasst Gedanken zum 1939 begonnenen Krieg sowie der Kriegsschuld, der zweite Teil enthält Anordnungen zur Besetzung aller wesentlichen politischen Ämter des Reiches nach Hitlers Ableben.

Hitler bezeichnet zu Beginn des Testaments den Ersten Weltkrieg als "dem Reich aufgezwungen" und führt später aus, dass auch der von ihm entfesselte Krieg nicht seinem eigenen Willen entsprach. Im Gegenteil: Hitler will noch drei Tage vor dem Überfall auf Polen mit den Briten verhandelt haben. Ihn selbst habe hingegen in mehr als 30 Jahren seit 1914 "bei all meinem [Hitlers] Denken, Handeln und leben nur die Liebe und Treue zu meinem Volk bewegt." Der Krieg sei durch die Interessen von internationalen Staatsmännern herbeigeführt worden, die entweder selbst Juden oder zumindest von Juden beeinflusst waren. Dieses bekannte Axiom zieht sich durch Hitlers Testament, wie es sich auch durch Hitlers antisemitische Schrift "Mein Kampf" und durch beliebig viele Reden seiner politischen Laufbahn gezogen hatte. Rein dogmatisch ist in Hitlers Testament kein Abweichen von den bei ihm immer wieder bekannten Topoi erkennbar. Immer wieder ist im ersten Teil des Testaments vom "internationalen Judentum" und seiner Verantwortung für die Gewalt in Europa die Rede; für Hitler ist die Shoah die direkte Folge und legitime Strafe für die jüdische "Propaganda", auf die er reagieren musste: "Ich habe aber auch keinen Zweifel darüber gelassen, daß […] dann auch jenes Volk mit zur Verantwortung gezogen werden wird, das der eigentlich Schuldige an diesem mörderischen Ringen ist: Das Judentum! Ich habe weiter keinen darüber im Unklaren gelassen, daß dieses Mal nicht nur Millionen Kindern von Europäern der arischen Völker verhungern werden […], ohne daß der eigentlich Schuldige, wenn auch durch humanere Mittel, seine Schuld zu büßen hat." Diese Legitimation des Holocaust ist das drastischste Zeugnis für Hitlers bis zum Ende extremen Antisemitismus und jeden Mangel an Einsicht bzw. Reflexion eigener militärischer Fehlentscheidungen.

Hitler bedankt sich bei allen, die ihm die Treue gehalten haben und fordert dazu auf, nicht ebenfalls Selbstmord zu begehen, sondern den Kampf gegen die Feinde weiterzuführen – Hitler versagt seinen Anhängern somit die Flucht in den Suizid, die er selbst wählt, ganz entgegen des im Testament zum Ende des ersten Teils ausgegeben Mottos: Pflichterfüllung bis in den Tod. Hier erfüllt Hitler – nicht zum ersten Mal – seine eigenen Ansprüche selbst nicht, man denke an das von ihm formulierte Rassenideal sowie seine Angst vor der Aufdeckung seiner Herkunft.

Der zweite Teil regelt Hitlers Nachfolge. Am wichtigsten sind die Ernennung des Admirals Karl Dönitz zum Reichspräsidenten sowie seines Gefolgsmanns Goebbels zum Reichskanzler. Hitler war am Ende davon überzeugt, dass er von der SS, der Reichswehr und der Luftwaffe (Göring!) verraten worden war, die Marine hielt er indes für treu, wodurch die Ernennung Dönitz‘ nachvollziehbar wird. Goebbels‘ Ernennung zum Reichskanzler darf als Auszeichnung für dessen Treue verstanden werden, zumal Goebbels wie Hitler eine Kapitulation entschieden ablehnte.

Zeitgleich hielt Hitler die Parteiausschlüsse Görings und Himmlers fest – noch vor der Liste der Namen der neuen Regierung. Erstaunlicherweise verteilte Hitler die in seiner Person vereinten Ämter gemäß der alten, außer Kraft gesetzten Weimarer Reichsverfassung, wobei die Ämterverteilung ohne jede juristische Grundlage geschah, was angesichts der unüberschaubaren und chaotischen Situation in den Tagen vor der bedingungslosen Kapitulation politisch allerdings keine Rolle spielte.

Hitler verlangt abschließend von allen Deutschen, Soldaten und Nationalsozialisten, der Regierung die Treue zu halten, was in Hinblick auf die Wehrmacht auch deshalb von Bedeutung erscheint, da die Soldaten auf Hitler persönlich vereidigt wurden – der Eid wäre durch Hitlers Ableben hinfällig gewesen, was er womöglich durch diesen Passus zu verhindern versuchte. Den Schluss des Testaments bildet eine bekannt gewordene, antisemitische Parole: "Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum." In diesem letzten Satz, den Hitler seiner Nachwelt mitteilt, wird nochmals deutlich, dass Antisemitismus und Rassenwahn bis zum Ende Hitlers bestimmendes Motiv zum politischen Handeln waren. Das Dokument ist schließlich von Hitler sowie den anwesenden Zeugen Goebbels, Martin Bormann, Wilhelm Burgdorf und Hans Krebs – also zwei ranghohen Parteimitgliedern sowie zwei Generälen – gezeichnet worden. Wenige Stunden später erschoss sich Hitler gegen 15:30 Uhr in seinen privaten Räumlichkeiten des Bunkers, seine Frau nahm Gift ein.

Hitlers "Politisches Testament" ist aus mehreren Gründen ein Schlüsseldokument der deutschen Geschichte. Rein politisch klärte es die Hierarchien für die letzten Tage bis zur finalen Übernahme der gesamten Kontrolle des Reiches durch die Alliierten, wobei der Einflussbereich der von Hitler ernannten Regierung minimal war. Sofern es Hitlers Hoffnung war, mit Dönitz einen zum Kampf "bis zum Ende" bereiten Mann zum Präsidenten ernannt zu haben, so ging dieser Kalkulation nicht auf: Dönitz führte den Kampf gemäß einer Ansprache lediglich fort, um möglichst viele Deutschen vor der Roten Armee zu "schützen", stimmte aber – nachdem Eisenhower einen separaten Waffenstillstand im Westen ablehnte – der geforderten bedingungslosen Kapitulation sofort zu: Am 8. Mai 1945, nur eine Woche nach Hitlers Suizid und der Verfassung des Testaments, endete der Krieg in Europa. Hitlers unbedingter Appell, den Kampf nicht aufzugeben, wurde somit nicht erfüllt. Auch seine sonstige Personalpolitik ging nicht auf: Goebbels beging nur Stunden nach Hitler ebenfalls Suizid, gegen den entschiedenen Willen Hitlers, wodurch dessen Bestimmungen für die Nachkriegszeit – ohne den von ihn bestimmten Kanzler – de facto hinfällig waren. Inwieweit Hitler seine eigenen Personalentscheidungen überhaupt für durchsetzbar hielt, muss dahingestellt bleiben; ein Zusammentreten der Regierung in der angegeben Form wäre aufgrund der verschiedenen Aufenthaltsorte sowie der militärischen Situation praktisch unmöglich gewesen, was Hitler zweifellos erkannt haben wird.

Wichtiger noch sind jedoch die antisemitischen Auslassungen Hitlers, die das Testament zu einem wichtigen Dokument des Holocaust machen. Nicht nur wird die Shoah zur "gerechten Strafe" für die Juden erklärt, man erkennt auch, dass Hitlers antisemitische Weltanschauung sich vom Beginn seiner politischen Betätigung bis zum Ende nicht merklich verändert hatte. Hitler hatte schon früh den Gipfel seiner persönlichen Judenhasses erreicht und verließ diesen nie mehr, wodurch der Antisemitismus zu einem der, wenn nicht zu dem bestimmenden Dogmen des Politikers Hitler wurde. Es ist zu Recht bemerkt worden, dass viele Wendungen in derselben Form auch in frühesten antisemitischen Reden und Briefen Hitlers hätten vorkommen können. Auch viele weitere Formulierungen des Testaments – etwa Hitlers zahlreiche Selbststilisierungen etwa zum "freiwilligen Opfer" für das Volk oder die "Last", die ihm "auferlegt worden sei" – ziehen sich, gleich dem Antisemitismus, wie ein roter Faden durch Hitlers gesamte politische Rhetorik.

Insgesamt darf das Testament aufgrund der Betonung des für Hitler elementaren Aspektes des Antisemitismus als Versuch gelten, der Nachwelt den für ihn wichtigen Teil seiner Ideologie mit auf den Weg zu geben und seine Anhänger nachhaltig zum festhalten am Antisemitismus zu bewegen. Die Relativierung der eigenen Schuld am Kriegsausbruch, die Stilisierung als "an der Spitze des Heeres" gefallener Befehlshaber sowie die Legitimation der Shoah sind gleichfalls der Versuch, das eigene Andenken in Anbetracht der Zerstörung Europas sowie eines millionenfachen Massenmordes positiv zu gestalten.

Das Testament wurde von allen Hitler-Biographen besprochen und ist Gegenstand zahlreicher Besprechungen und Untersuchungen. Es wurde vielfach interpretiert, analysiert und eingeordnet – die wichtigsten Titel dazu sind den Literaturhinweisen zu entnehmen, einige Grundtendenzen der Forschung sind in diesen Kommentar eingeflossen. Auch die breite wissenschaftliche Rezeption des Dokuments zeigt, dass es definitiv zu den Schlüsseldokumenten neuerer deutscher Geschichte gehört.

Henning Steinhöfel

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