Einführung Rede des Ersten Sekretärs des CK der KPSS, N. S. Chruščev auf dem XX. Parteitag der KPSS [Geheimrede] und der Beschluß des Parteitages Über den Personenkult und seine Folgen, 25. Februar 1956 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Rede des Ersten Sekretärs des CK der KPSS, N. S. Chruščev auf dem XX. Parteitag der KPSS ["Geheimrede"] und der Beschluß des Parteitages "Über den Personenkult und seine Folgen", 25. Februar 1956

Einführung

Vor dem Hintergrund der nahezu durchgängig erfolgsbetonten Parteitagsreden, die den GlossarParteitag von 1956 wie alle vor ihm beherrschten, und der Presseverlautbarungen der vergangenen Jahre, die von immer größeren Errungenschaften des GlossarSozialismus berichteten, nahm sich GlossarChruščevs Rede wie eine Sensation aus. Ihre ungewohnte Offenheit wirkte wie eine fundamentale Kritik am GlossarStalinismus, der für so gut wie alle Gebiete – die Wirtschaft wie die Armee, die Kultur wie die Wissenschaft – sowie für die Bevölkerungspolitik des multinationalen Staatsgebildes und damit für die gesamte Gesellschaft prägend war. Eine vergleichbare Kritik am Sowjetregime stammte bis dahin nur von ehemaligen Anhängern des Systems wie GlossarMilovan Djilas, GlossarWolfgang Leonhardtund GlossarCzesław Miłosz, deren Werke in jener Zeit nur im Ausland publiziert werden konnten. Mit der Rede Chruščevs erfolgte eine ähnlich fundamentale – wenn auch nur auf die Verbrechen der Stalinzeit konzentrierte – Kritik. Der Unterschied bestand darin, daß sie direkt aus dem Machtzentrum des Weltkommunismus kam.

Die ungewohnte Kritik an Stalin, der Jahrzehnte lang wie eine Ikone verehrt und glorifiziert wurde und als Garant für die Befreiung vom "Joch des Kapitalismus" galt, löste einen Schock aus. Ungewöhnlich war aber auch: Die Rede wurde unter Ausschluß der Öffentlichkeit gehalten; ihr Wortlaut wurde zunächst nur aus den nicht autorisierten, u.a. russischsprachigen, ausländischen Veröffentlichungen und Radiosendungen bekannt; in der Sowjetunion erschien eine ihrer Versionen erst in der Zeit der Perestrojka. Ihre Geheimhaltung vor der sowjetischen Öffentlichkeit wurde 1956 lediglich dadurch gelockert, daß die Rede von einem GlossarCK-Abgesandten in speziellen, im ganzen Land anberaumten, geschlossenen Parteiversammlungen in Auszügen verlesen wurde. Es war jedoch verboten, die Rede zu kopieren, während des Vortrags Notizen zu machen oder gar zu stenographieren. Anschließend wurde der Text der Rede sofort wieder eingezogen.

Chruščevs Ziel war es, die Verbrechen Stalins, deren er sich vor allem gegenüber seinen Parteigenossen und vielen der nichtrussischen Völker der Sowjetunion schuldig gemacht hatte, parteiintern offenzulegen und zu verurteilen. Dabei fiel auf, daß es in Chruščevs Ausführungen – im Gegensatz zu westlichen Analysen – vordergründig nicht um eine Generalabrechnung mit dem sowjetischen Gesellschaftssystem ging. Während westliche Analytiker einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den stalinistischen Verbrechen einerseits und der Durchsetzung der autoritären Staats- und Gesellschaftsordnung andererseits unterstellten, bewertete Chruščev selbst die Verbrechen des Stalinismus, die seit dem XVII. Parteitag von 1934 ein breites Ausmaß erreichten, nicht als Konstruktionsfehler des damaligen Staats- und Gesellschaftssystems. Statt dessen führte er sie einzig und allein auf Stalins Verfehlungen zurück, die durch seinen Charakter als Mensch bedingt gewesen seien. So stand auch der Kult um Stalins Person, der von ihm toleriert und gefördert wurde, sowie der öffentliche Kult um nahezu alle Vertreter der Staats- und Parteiführung im Mittelpunkt der Rede Chruščevs; die darin geäußerte Kritik bezog sich jedoch weder auf ihn selbst noch auf andere Personen aus seiner nächsten Umgebung.

Die Bedeutung der Rede erschöpfte sich nicht in ihrer unerwarteten Offenheit und der Kritik an Stalin. Vielmehr bestand sie in der Art und Weise, wie sie aufgefaßt wurde, sowie in den Konsequenzen, die sie sowohl innerhalb als auch außerhalb der Sowjetunion, d. h. in den sowjetischen Satellitenstaaten sowie in den kommunistischen Parteien des westlichen Auslands, langfristig hatte. Ursprünglich hatte Chruščevs Rede lediglich einen, im kommunistischen Sinne verstandenen, Demokratisierungsprozeß innerhalb der Partei in Gang setzen sollen. Letzten Endes erhielt sie jedoch eine zeitlich wie überregional weit über diese Intention hinausgehende Bedeutung. Dies hing zweifellos mit den spezifischen Realien des Sowjetsystems zusammen, für das eine fast unüberbrückbare Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch und der gesellschaftlichen Wirklichkeit typisch war. Auch wenn sich Chruščevs harsche Kritik nur gegen einzelne Erscheinungen des Sowjetsystems, wie den Glossar"Personenkult", richtete, implizierte sie zwangsläufig, wie sich unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Rede zeigte, eine indirekte Kritik an den Fundamenten dieses Systems und dessen Repräsentanten.

Chruščev brachte bereits vor dem XX. Parteikongreß einen Entwurf seiner Rede unter den Mitgliedern des GlossarCK-Präsidiums in Umlauf, um sich ihre Rückendeckung zu verschaffen. Da manche von ihnen den Zusammenhang zwischen einer Detailkritik an den Stalin angelasteten GlossarRepressionen und der Systemkritik deutlich wahrnahmen und die Folgen dessen, daß die Verbrechen der Staats- und Parteiführung bekannt wurden, als nicht kalkulierbar betrachteten, teilte sich die offizielle Meinung. Chruščev zeigte sich jedoch bereit, die Verantwortung für seine Erklärung zu übernehmen. Er ging das Risiko ein, daß die Diskussion an die Öffentlichkeit vorstoßen konnte, und ignorierte die Bedenken seiner Kollegen. Ihm schien es notwendig, die Parteimitglieder, die den stalinistischen Repressionen zum Opfer gefallen waren, nicht nur stillschweigend zu rehabilitieren, sondern auch über die Umstände ihrer damaligen Verhaftung Aufschluß zu geben – zumindest im begrenzten Rahmen der innenparteilichen Öffentlichkeit. Immerhin ging es um Hunderttausende Personen. Seit Stalins Tod im März 1953 kehrten sie aus den Lagern zumeist in ihre Heimatorte zurück. Einige von ihnen befanden sich auch unter den Delegierten des XX. Parteitages. Diese vorgebliche Intention Chruščevs war jedoch nicht von ethischen Überlegungen getragen. Auch ein Zusammenhang mit der oft zitierten "innerparteilichen Demokratie" oder " der Rückkehr zu den Leninschen Normen", einer Neuauflage der pseudoproletarischen Diktatur, läßt sich nicht feststellten. Geht man von den politischen Umständen der Zeit aus, so handelte es sich um einen parteipolitischen Schachzug, kam es doch Chruščev darauf an, den eigenen Rückhalt in der Parteibasis als Voraussetzung für Machtkämpfe an der Parteispitze zu stärken. Daß dies ein gewagtes Spiel war, leuchtete den meisten im Präsidium des CK mehr oder weniger ein. Zog man nämlich in Betracht, daß die Opfer der Repressionen mit denjenigen, die davon unbetroffen blieben, eng nebeneinander lebten und wirkten, so war eins unvermeidbar – nämlich, daß die Parteimitglieder Grundsatzfragen wie die nach dem Verhältnis von Illusion und Wirklichkeit im eigenen Systems stellten, nach einer Erklärung für den Kontrast zwischen dem gesellschaftlichen Sein und Schein suchten und dabei Überlegungen hinsichtlich des jeweiligen Anteils von Systemfehlern und persönlicher Verantwortung anstellten. Da es sich um Fragen handelte, die für Chruščev, im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Entscheidung in der Machtfrage betrachtet, in keinerlei Zusammenhang miteinander standen, meinte er, sie zurückstellen zu können.

Die Kritik am Personenkult war somit von vornherein mit unterschiedlichen Erwägungen verbunden, die Chruščev zum Manövrieren und, was Stalin anging, zum Lavieren zwischen Lob und Tadel zwang. Zwar bewertete Chruščev Stalins Maßnahmen zum Glossar"Aufbau des Sozialismus" – zunächst "im einem Lande" –, die anstelle des ursprünglichen Nahziels einer Weltrevolution rückten, positiv. Doch was die Parteisäuberungen, die Vertreibung und Vernichtung großer Bevölkerungsteile und vieler nichtrussischer Völker der UdSSR betraf, so gingen sie aus seiner Sicht einzig und allein auf Stalins Konto. Chruščevs zweiseitige und gegensätzliche Bewertung Stalins, den er einerseits als einen guten Staatsmann, Kriegshelden und Parteiführer in Erinnerung rief, andererseits als eines Diktator anprangerte, für den jeder Tadel zu gering erschien, stellte auch ihn selbst in ein neues Licht. Nun erschien er nicht mehr als jemand, der in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten zum engsten politischen Kreis um Stalin gehörte, sondern nur als eins der vielen Rädchen im Räderwerk des Stalinismus. Indem er sich vehement von Stalin distanzierte, konnte er nun in die Rolle eines "Retters des Sozialismus" schlüpfen, der die "Abweichungen" Einzelner von der Generallinie der Partei wieder korrigierte. Hinzu kam, daß Chruščevs Kritik an Stalin sowohl innerhalb der Sowjetunion als auch so gut wie überall im Ostblock als Zeichen einer, obzwar auch unter einem sowjetischen Vorzeichen erfolgten, Normalisierung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse aufgenommen wurde. Somit trat genau das ein, was sich viele bereits nach dem Sieg über den Faschismus erhofft hatten und wozu es seinerzeit nicht gekommen war, weil die innenpolitische Entwicklung 1946 in eine weitere Verschärfung der Diktatur mündete, nämlich – eine Entspannung der allgemeinen Verhältnisse. In diesem Zusammenhang wurde gerne hervorgehoben, daß seit 1956 politische Gegner nicht mehr um ihr Leben bangen mußten, sondern in der Regel – ob gerecht oder nicht – lediglich degradiert, ihres Amtes enthoben, in die Provinz versetzt oder in die Verbannung geschickt wurden. Chruščev habe damit dem sowjetischen Regime ein menschliches Gesicht gegeben. Festzuhalten bleibt jedoch: Auch in Chruščevs "Geheimrede" wurde die Frage nach der Mitverantwortung hochrangiger Staats- und Parteifunktionäre für Stalins Verbrechen nicht diskutiert.

Die Rede Chruščevs machte endgültig deutlich: Die Maßnahmen, die bereits in den ersten Jahren nach dem Tod des sowjetischen Führers ergriffen wurden und auf Milderung bzw. Rücknahme von Repressionen der Stalin-Zeit hinausliefen, gehörten zu einem Bündel von GlossarEntstalinisierungsschritten, waren somit nicht zufällig, sondern schufen die Grundvoraussetzungen für weitere Schritte in diese Richtung. Neben vielen anderen Ereignissen jener Jahre gehörten in diesen Kontext die Freilassung und Rückkehr der rehabilitierten Lagerhäftlinge, die allmähliche, aber durchaus gezielte Entfernung von glorifizierenden Darstellungen Stalins aus der Öffentlichkeit, mit der man bereits im April-Mai 1953 begonnen hatte, die zahlenmäßige Eindämmung von lauthals vorgetragenen, überschwenglichen Erfolgsmeldungen, die durch Werke des GlossarSozialistischen Realismus illustriert wurden. Alles deutete darauf hin, daß die Zeit des stalinistischen Terrors endgültig vorbei war, daß sich – zuerst mit dem politischen, schon bald jedoch auch mit dem kulturpolitischen – Glossar"Tauwetter" neue, angstlose Zeiten in Politik und Gesellschaft anbahnten.

Der Eindruck, den die Sowjetunion nach außen hin vermittelte, war ähnlich. Denn Chruščev führte den Nachweis, daß Stalins Kalter Krieg beendet sei, daß in der Zukunft trotz aller ideologischen Unterschiede eine – so sein außenpolitischer Slogan – Glossar"friedliche Koexistenz" verschiedener politischer und gesellschaftlicher Systeme möglich war. Und so ist Chruščevs Rede auch im Kontext der sowjetischen Überlegungen zur Normalisierung des Verhältnisses zu den Westmächten zu sehen. Ausdruck dieser bereits angegangenen Bemühungen waren der GlossarStaatsvertrag mit Österreich (1955), der den Rückzug der Alliierten aus Österreich und dessen Neutralität regelte, die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion nach GlossarAdenauers Besuch in Moskau sowie die GlossarWeltjugendspiele in Moskau (1957) – einer der ersten Versuche, nach der politischen auch die kulturelle Isolierung der Sowjetunion zu überwinden.

So befreiend die Kritik an den Verbrechen Stalins auch war, so wenig konnte und wollte man glauben, daß Chruščevs Rede das Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Sozialismus wiederherstellen kann. Dieses Vertrauen der Partei und der Gesellschaft hatte aufgrund der Enttäuschungen in Anbetracht der überdimensional hohen Zahl von Verhaftungen, Hinrichtungen und Lagereinweisungen unter Stalin schwere Schäden genommen. Daß von einer grundlegenden Normalisierung nicht gesprochen werden konnte, zeigten auch die Umstände, unter denen die Rede gehalten wurde, sowie die Art und Weise, wie man sie in der Öffentlichkeit behandelte. Chruščevs Bericht wurde bei verschlossenen Türen verlesen; es gab keine offizielle Textfassung, weder schriftliche noch mündliche, die die sowjetische Bevölkerung zu Augen bekommen hätte; bekannt wurden lediglich einzelne, im Hinblick auf die Grundaussagen der Rede irrelevante Passagen; alle Informationen drangen nur durch Mundpropaganda an die Öffentlichkeit. Die Folge war: Chruščevs Rede erfuhr unterschiedliche Interpretationen und löste sehr schnell ein Lauffeuer von Gerüchten und Spekulationen aus. Sie drehten sich um die Frage, ob man mit einer neuen Phase der Liberalisierung rechnen sollte, nachdem sich seit etwa 1954 die ersten Anzeichen eines Tauwetters bemerkbar gemacht hatten. Diese und weitere Umstände sprechen dafür, daß die Rede des sowjetischen Staats- und Parteiführers, wie die Forschung damals wie heute annimmt, weniger einen Neuanfang markierte, als der Stärkung seiner Machtposition diente. Somit hatte die Rede die gleiche Funktion wie die von GlossarBerija im Frühjahr 1953 verkündete GlossarAmnestie für politische Gefangene und Kriminelle, oder die – bereits nach der Beseitigung Berijas –von Chruščev im Frühjahr 1954 eingeleitete GlossarRehabilitierung. Darüber hinaus handelte es sich bei der Rede auch um den Versuch, jene Spannungen abzubauen, die zwischen den, nach wie vor in Amt und Würde verbleibenden, Staats- und Parteifunktionären der "Stalinjahrgänge" und den seit 1954 aus den Lagern zurückkehrenden Parteimitgliedern bestanden.

Trotz ihres offenen Grundtenors hinterließ die Rede von Anfang an einen undefinierbaren Nachgeschmack. Dies läßt sich an vielen Fragen ablesen, die sich – wie man heute weiß – nicht nur westliche Leser und Fachleute, sondern auch ihre sowjetischen Zeitgenossen stellten. So fragte man sich beispielsweise, warum der XX. Parteitag eine Gedenkminute für Stalin und andere, inzwischen verstorbene, verdiente Parteimitglieder einlegte, während man weder den Millionen von Opfern des Stalinismus, von denen in Chruščevs Bericht die Rede war, gedachte noch ein Wort des Bedauerns gegenüber ihren Angehörigen fallen ließ.

Chruščevs Rede gab keinen Auftakt für eine Neufassung des Verhältnisses zwischen Staat, Partei und Gesellschaft. Dennoch wurde sein Bekenntnis zum Antistalinismus in der sowjetischen Öffentlichkeit und den Satellitenstaaten als Beginn einer lang ersehnten Liberalisierung aufgefaßt. Diese Hoffnungen wurden allerdings immer leiser, je mehr man sich bewußt wurde, daß Chruščev mit seiner Rede lediglich eine seit langem erwartete Erklärung für den stalinistischen Terror bieten und "stummen" Rehabilitierungen zuvorkommen wollte, und die neue Offenheit sich als eine Pseudooffenheit erweis. So schien es der politischen Führung mehr auf das Verschweigen von Fakten, als auf ihre umfassende Offenlegung anzukommen. Statt sich in Selbstkritik zu üben und die Dinge beim Namen zu nennen, wurde so getan, als genüge es, nur einige Phänomene und auch die nur oberflächlich anzusprechen. Damit entstand eine weitere Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf Wiederherstellung von historischer Wahrheit, Recht und Gesetzlichkeit und der Wirklichkeit ihrer Handhabung.

Eins war offensichtlich: Obwohl sich Chruščevs Bericht auf die Verbrechen Stalins konzentrierte, konnte er, wie bereits im voraus befürchtet wurde, eine Lawine von weiteren Fragen auslösen und – entgegen des ursprünglichen Kalküls – politische Schwierigkeit auf die Tagesordnung befördern. Ja er konnte sogar – bei einem schlechten politischen Wetter – zu einer ernsthaften Infragestellung des Regimes führen. In der Tat haben solche Ereignisse, wie die in Polen (1956), Ungarn (1956) und später auch in der CSSR (1968) gerade das mit aller Deutlichkeit gezeigt.

Daß die Staats- und Parteiführung trotz der Gefahr, daß solche Grundsatzfragen aufkommen könnten, an die Möglichkeit eines dosierten und kontrollierten Umgangs mit den "Verbrechen Stalins" glaubte, kann als unbestritten gelten. Sie hielt es einerseits für notwendig, die Verbrechen Stalins – wohlgemerkt: nicht des Stalinismus – offenzulegen; gleichzeitig aber wachte sie peinlichst darüber, daß die Berichterstattung in der Presse den Rahmen dieser dosierten Wahrheitsfreigabe nicht verließ und keine Überreaktionen hervorrief. Ein Ausdruck dieser Haltung war der Beschluß des XX. Parteitages "Über den Personenkult und seine Folgen", der am 30. Juni 1956 in der "Pravda" erschien. In Anbetracht einer Doppelung der Kontrolle (Informationsdosierung und Zensur), aber auch der Existenz eines übermächtigen Sicherheitssystems wog sich die Staats- und Parteiführung in Sicherheit. Ihre Vertreter waren davon überzeugt, daß das Kritikpotential, das die Rede Chruščevs enthielt, keine aktuelle Bedrohung für Partei und Staat darstellte, daß die Rechtsbeugung innerhalb des Systems partiell rückgängig gemacht werden könne, ohne daß das Gesamtsystem gefährdet werde. Im Nachhinein wird es jedoch klar, daß ein System wie das sowjetische, das wie ein Kartenhaus allein auf vertikalen Strukturen ruhte, sich der Gefahr gravierender Veränderungen aussetzte, wenn auch nur eine Karte aus seinem Gerüst entfernt wurde.

Betrachtet man Chruščevs Rede aus der heutigen Perspektive, so wird klar, daß allein schon der Sprachduktus der Rede den Zeitgenossen signalisieren sollte, es gehe nicht um einen Neuanfang, sondern nur um eine Korrektur von Fehlentwicklungen mit dem Ziel einer erneuten Stärkung und Konsolidierung des Partei- und Staatsapparats. Wiederholt gebrauchte der Redner solche Ausdrücke wie "innerparteiliche Demokratie", "sozialistische Gesetzlichkeit", "Entwicklung der Sowjetdemokratie" und Glossar"demokratischer Zentralismus". Es handelte sich um diskursive Kampfstrategien, die dem offiziellen Diskurs entstammten und weniger auf die von der Öffentlichkeit erhoffte Liberalisierung, als auf kommunistische Grundüberzeugungen verwiesen. Daß sich der sowjetische Führer mit seiner Rede an die Partei und nicht an die Gesamtbevölkerung der Sowjetunion wandte, geht aus dem Umstand hervor, daß ihr Text nur innerhalb der Partei und unter den kommunistischen "Brüderparteien" – und zwar Schritt für Schritt, mit Rücksichtsnahme auf geltende Hierarchien und unter der Kontrolle durch parteiinterne Kanäle – verbreitet wurde.

Heute dürfte als unbestritten gelten, daß Chruščev jene langfristigen Folgen, die seine Ausführungen für die ganze Welt haben sollten, nicht vorausgesehen hatte, sondern vornehmlich um die Stärkung seiner eigenen Machtposition bemüht war.

Karl Eimermacher

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