Einführung Überlegungen des Generalstabs der Roten Armee zum Plan eines strategischen Aufmarschs der Streitkräfte der UdSSR für den Fall eines Krieges gegen Deutschland und seine Verbündete, nicht vor dem 15. Mai 1941 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Überlegungen des Generalstabs der Roten Armee zum Plan eines strategischen Aufmarschs der Streitkräfte der UdSSR für den Fall eines Krieges gegen Deutschland und seine Verbündete, nicht vor dem 15. Mai 1941

Einführung

In der Historiographie wurde die Ansicht vertreten, daß GlossarStalin im Führjahr 1941 am wenigsten einen Präventivschlag gegen Deutschland wollte, weil er nach dem sowjetisch-finnischen Krieg (Winterkrieg) 1939-1940 "sich darüber im klaren war, daß das Militärpotential der GlossarRoten Armee gering ist" (Popov). Indes ist die Frage über die Vorbereitung eines sowjetischen Präventivschlags, mit dem einem Angriff der deutschen Truppen vorgegriffen werden sollte, gar nicht so einfach zu beantworten, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

1993 veröffentlichten die russischen Militärhistoriker V. Danilov und Ju. Gor'kov ein Dokument, das sie als "Überlegungen zum Plan eines strategischen Aufmarschs der Streitkräfte der UdSSR für den Fall eines Krieges gegen Deutschland und seine Verbündete" betitelten. Dieses Dokument wurde im GlossarGeneralstab der Roten Armee (RKKA) vorbereitet und gegen Mitte Mai 1941 fertiggestellt. Seine Bedeutung ist unbestritten, denn erstens war die Ausarbeitung des Generalstabs für Stalin persönlich als den Vorsitzenden des GlossarRates der Volkskommissare bestimmt (eine offizielle Mitteilung über seine Ernennung auf diesen Posten wurde am 6. Mai 1941 in zentralen sowjetischen Zeitungen veröffentlicht) und zweitens enthielt sie den Vorschlag eines Präventivschlages gegen die deutschen Truppen, deren Konzentration an den Westgrenzen der UdSSR für den Überfall noch nicht abgeschlossen war.

M. Gareev, der den Umständen nachging, unter denen diese Ausarbeitung zustande gekommen war, betonte, daß die Entstehung eines solchen Dokuments im Mai 1941 kein Zufall war, da die politische Führung der Sowjetunion Überlegungen bezüglich einer Offensive gegen die Deutschen anstellte. In einem offensiven Geist wurde auch GlossarStalins Trinkspruch gehalten, den er am 5. Mai 1941 beim Empfang für Absolventen der Militärakademien sprach.

In der Tat, geht man vom Interview aus, das Marschall GlossarGeorgij Žukov 1965 dem Militärhistoriker V. Anfilov gab, so kam die Idee, dem deutschen Überfall zuvorzukommen, im Zusammenhang mit Stalins Reden vor den "Militärakademikern" auf. Die konkrete Aufgabenstellung, eine diesbezügliche Direktive auszuarbeiten, erfolgte gegenüber dem Generalmajor GlossarAleksandr Vasilevskij, dem stellvertretenden Leiter der GlossarOperativverwaltung des Generalstabs. Am 15. Mai 1941 wurde diese Direktive dem Leiter des Generalstabs Žukov und dem GlossarVolkskommissar für Verteidigung GlossarSemen Timošenko vorgelegt. Sie signierten das Dokument nicht, sondern beschlossen, vorab Stalin persönlich über den Inhalt der Ausarbeitung zu informieren.

Da bisher keine Dokumente gefunden wurden, die Stalins Reaktion auf die "Überlegungen" des Generalstabs der RKKA belegen könnten, halten die Diskussionen über ihre Bedeutung für die politische Praxis unter den Historikern weiterhin an.

Dabei behaupten die einen – sie präsentieren die Mehrheit der Forschung –, es gebe keinen Anlaß, diese Ausarbeitung des Generalstabs ernst zu nehmen (Basistov, Višlev, Gareev, Gor'kov, Semin). Da Stalin keine schriftlichen Bemerkungen auf dem Text des Dokuments hinterließ, so glauben einige unter ihnen, mache es keinen Sinn, von ihrer praktischen Umsetzung zu sprechen. Ihre Schlußfolgerung lautet: Die sowjetischen Militärkräfte waren zu entscheidenden Handlungen nicht bereit; weder stimmte Stalin den "Überlegungen" des Generalsstabs zu, noch traf er rechtzeitig eine politische Entscheidung über den Krieg gegen Deutschland; umgekehrt, auf seine Anweisung wurden alle diesbezüglichen Vorbereitungen vor Ort sofort unterbunden.

Im Gegensatz dazu weist eine andere Gruppe von Forschern auf die praktische Relevanz der "Überlegungen" hin (Bezymenskij, Bobylev, Danilov, Kiselev, Mel'tjuchov, Sokolov). Nach einer eingehenden Analyse dieser Ausarbeitung kommen sie zum Schluß, daß es sich dabei um ein folgenreiches Dokument handelte. Ihnen stimmen auch einige westlichen Autoren zu (Post, Hoffmann, Weeks).

Zum entscheidenden Argument dafür, daß der Plan vom 15. Mai 1941 genehmigt wurde, wird für die Vertreter dieser Position die Tatsache, daß die strategische Konzentration und der Aufmarsch der Roten Armee in voller Übereinstimmung mit seinen Richtlinien vor sich ging. Gestützt auf zahlreiche Zeugnisse, versuchen sie zu beweisen, daß die sowjetische Seite mit der Umsetzung der Grundsatzmaßnahmen begann, die notwendig waren, um einen unerwarteten Angriff gegen die Wehrmacht zu starten. Die Mobilisierung der Truppen unter dem Vorwand von Wehrübungen der Reserve, die Konzentration der Truppen in der Nähe der Westgrenze, die Zusammenziehung der Luftwaffe aus den entlegenen Militärbezirken des Landes auf den Feldflugplätzen, die Entfaltung der Luftwaffe im Hinterland und die Aktivierung der Militärlazarette unter dem Vorwand der Lehrübungen – alle diese Maßnahmen wurden unter strengster Geheimhaltung vollzogen.

Bobylev wies außerdem auf die inkonsequente Vorgehensweise des ersten Herausgebers der "Überlegungen" Gor'kov hin, der einmal behauptete, daß dieser Plan von der politischen Führung der Sowjetunion genehmigt wurde, ein anderes Mal aber meinte, daß er lediglich präzisiert wurde, wobei nach einer dieser Korrekturen "der Teil über den Präventivschlag entfernt wurde". Bobylev hatte recht, als er zu den Bestrebungen einiger Autoren, die Bedeutung des Dokuments vom 15. Mai 1941 herabzumindern, bemerkte, wenn man daraus den Satz über den Präventivschlag entferne, so bliebe im Text nichts mehr übrig als die Bewertung des Gegners und einige Worten über die aktive Verteidigung an den Sektoren der Staatsgrenze, wo für den Fall des Kriegsausbruchs auch gar keine Offensive vorgesehen war.

Gleichzeitig fand in der Forschungsliteratur die Meinung Verbreitung, daß der Generalstab der Roten Armee am Vorabend des 22. Juni 1941 über alternative Pläne zur Kriegsführung verfügte, die sowohl an einer Defensive als auch an einer Offensive ausgerichtet waren (Gor'kov, Mercalov, Mercalova). Allerdings hält auch sie der Kritik nicht stand. Sogar Gor'kov, dessen Äußerungen hinsichtlich der Relevanz der "Überlegungen" vom 15. Mai 1941 als eines Grundsatzdokuments äußerst vorsichtig sind, unterstrich: "Seine Bedeutung ist kaum zu überschätzen, denn damit traten wir in den Großen Vaterländischen Krieg ein". Unzweideutig äußerste sich in dieser Frage Ramaničev: "Die Verfahrensweise, die die sowjetische Militärführung für die Ausarbeitung eines Kriegsplans festlegte, gewährleistete die Realitätsbezogenheit und Effektivität der Planung nicht in dem Maße, wie eine in Deutschland übliche Reihenfolge. Während man in der Wehrmacht zunächst mehrere Varianten ausarbeitete und dann auf ihrer Grundlage eine Endversion verfaßte, fehlten in der Roten Armee alle alternativen Varianten überhaupt." Beim Präventivschlag gegen Deutschland handelte es sich auf keinen Fall um eine "Improvisation" der Führung des Generalstabs der Roten Armee. Und schon erst recht nicht wurde der Entwurf des Planes vom Mai 1941 "in aller Eile, innerhalb von 10 Tagen ausgearbeitet", wie dies Popov darzustellen versucht. Seine Konzeption erlebte eine Entwicklung und wurde auf allen Stadien von Stalin persönlich kontrolliert.

Inzwischen begann die Historiographie, einen Zusammenhang zwischen den Niederlagen der Roten Armee im Sommer 1941 und den Plänen der sowjetischen Führung für eine Offensive zu sehen. Während Kumanev und Škljar behaupteten, es sei keine unmittelbare Verbindung zwischen der Konzeption des Angriffskrieges und der für die RKKA ungünstigen Grenzschlacht festzustellen, äußerten andere Historiker eine entgegengesetzte Meinung. Danilov erklärte die Mißerfolge der Roten Armee im Sommer 1941 mit der politischen Kurzsichtigkeit Stalins. Der sowjetische Führer, der die Anweisung gab, einen Präventivschlag vorzubereiten, rechnete nicht damit, daß der Gegner ihm zuvorkommen und einen militärischen Schlag von ungeheuerer Stärke versetzen könnte; als Folge dieser Fehleinschätzung war die Rote Armee weder auf eine Defensive noch auf eine Offensive vorbereitet. Danilov wird von anderen Historikern unterstützt, obwohl einige unter ihnen, wie Mercalov und Mercalova, zu einer pauschalen Beschuldigung Stalins neigen.

Neue Dokumente zu den Vorbereitungen der UdSSR auf den Präventivschlag, die in den Umlauf gebracht wurden, gaben Anlaß für noch radikalere Stellungnahmen. Russische Historiker und Publizisten anerkennen Stalins Recht, als erster die Kriegshandlungen zu beginnen, und erklären: Diese Vorgehensweise des sowjetischen Führers und die sich daraus ergebende politische Entwicklung hätten es möglich machen können, nicht nur den Faschismus in die Niederlage zu führen, sondern 20 Millionen Menschen zu retten (Sacharov, Burlackij, Kurašvili).

Aufmerksamkeit verdient zweifellos auch die Feststellung Danilovs zur Vielschichtigkeit eines Themas wie der sowjetischen Vorbereitungen auf einen Präventivschlag 1941 sowie zur Notwendigkeit ihrer allseitigen Analyse, an der sich nicht nur Historiker, sondern auch Politologen, Philosophen, Juristen, Ökonomen und Vertreter der Militärtheorie beteiligen könnten.

Vladimir Nevežin

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