Volltext Willi Rickmer Rickmers, Alai! Alai! Arbeiten und Erlebnisse der Deutsch-Russischen Alai-Pamir-Expedition, Leipzig 1930 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Willi Rickmer Rickmers, Alai! Alai! Arbeiten und Erlebnisse der Deutsch-Russischen Alai-Pamir-Expedition, Leipzig 1930

[S. 231-233:]

Die Karte war unsre erste Sorge. Sie ist ja die Grundlage aller erdkundlich geordneten Wissenschaft. Vor allem sind gesteinskundliche und wetterkundliche Aufschriebe ohne Ortsbestimmung völlig wertlos, denn ohne Beziehungen zu den andern Teilen des Ganzen lassen sich keine allgemeinen und gesetzmäßigen Schlüsse ableiten, die das Hauptziel der beschreibenden Wissenschaft sind, wenn sie zu einer erklärenden Wissenschaft werden will. Die Erdkunde ist eine nach ihrem Bezugskörper, der Erde, benannte Allgemeinkunde. Alle Dinge auf der Erde, in der Erde und außerhalb der Erde bezieht sie auf die Oberfläche der Kugel und entwirft sie aufs flache Kartenblatt.

Ja, die Erdkunde ist überhaupt sachwirkliche Allgemeinwissenschaft zum Unterschied von der Philosophie, die man an die Spitze der begrifflichen Ordnung stellt. Hier haben wir greifbaren Zusammenhang, denn die Erde ist der natürlichste aller Bezugskörper. Wir haben sie bezogen und wohnen auf ihr; wir wurden auf sie bezogen und sind sie gewohnt, ohne daß uns eine Wahl bliebe. Als Sonderwissenschaft von unserm Bezugskörper beginnend, entwickelt sie sich allmählich mehr und mehr zu der Sammelwissenschaft schlechthin. Die philosophische Einteilung wird für Wirklichkeitsmenschen unhaltbar. Wir haben nie als Philosophen angefangen, sondern damit begonnen, auf der Erde zu leben, zu schaffen und zu sterben. Sie ist der Untergrund und Hintergrund alles Müssens, Wollens und Könnens. So wird die Karte zum anschaulichsten und genauesten Ordner alles Wissens, das man auf sie entwirft, zumal alles Wissens, das uns die Naturbeschreibung liefert, und alles Wissens, das sich gesetzmäßig auf die Umwelt anwenden läßt. Wissen ist Sprache; Sprache ist Verkehr; Menschen verkehren auf Erden. Die Erdkunde ist die beredteste und deutlichste aller Sozialwissenschaften, denn sie bespricht alles im Entwurf der Fläche, auf der wir wandeln und reden, erfahren und wissen.

Ans Lagebild schließen sich unmittelbar die Geologie als Beschreibung der Gesteinsunterlage und die Wetterkunde als Beschreibung der auf diese Unterlage wirkenden Kräfte. Gesteins- und Klimaforscher sind gezwungen, selber eine Karte zu entwerfen, so gut es geht, wenn noch keine vorliegen sollte. Sie müssen die Gebirgsfalten in Nachbargebiete verfolgen und wissen, woher der Wind weht. Pflanzen-, Tier- und Menschenforschern erleichtert es die Arbeit, wenn sie Oberflächenform, Bodenbeschaffenheit und Klima schon in den Hauptsachen vorgezeichnet finden. Gibt es genug Anhaltspunkte und Ortsweisungen, nach denen man Erzählungen oder Sammlungen einer späteren Karte zuordnen kann, so kommt es allerdings nicht auf die Reihenfolge an. Sie ist indes erwünscht und wird bald als unerläßlich betrachtet werden.

Viele Reiseergebnisse aus alter und neuer Zeit sind wertlos, minderwertig oder wenigstens schwer auswertbar geworden, weil die genaue Ortsbestimmung fehlt. Auf der Erde muß so manches wieder ganz von vorn angepackt werden. Anstatt zu flicken, wird man lieber neu durchführen, so wie man den veralteten Betrieb lieber abbricht und ganz neu aufbaut. Arbeitslosigkeit brauchen die Forschungsreisenden nicht gar so bald zu erwarten. Allerdings tritt fachmännische Arbeitsteilung höchsten Wirkungsgrades an die Stelle der abenteuerlichen Entdeckungsreise. Plötzlich werden wir in der Erdkunde den Ruf hören: Erst die Karte! Damit ist dann eine Karte im Maßstab von etwa Fünfzigtausend gemeint, die sich mit dem Meßbild vom Berg oder dem Meßbild aus der Luft schnell und preiswert schaffen läßt, wenn man nicht ängstlich knausert. Mit der Kartenmacherei geht es nicht anders als mit der Tuchweberei. Je moderner und teurer die Einrichtung, desto besser und billiger das Geviertmeter Tuch. Für zweieinhalb Millionen liefere ich die Karte 1 : 50000 von ganz Tadschik[i]stan (Alai-Pamir), was rund 20 Mark für das Geviertkilometer ausmacht. So billig ist noch kein Meßtischblatt gewesen.

Die Veranstalter des deutsch-russischen Unternehmens hatten uns also mit der ortskundlichen, geologischen, wetterkundlichen sowie der pflanzen-, tier- und volkskundlichen Erforschung des Pamirs und seines Westrandes beauftragt. Aus dieser mehr nüchternen Aufgabenfülle hoben sich die höchsten Gipfel und die alten Pässe als Rosinen der Entdeckerlust heraus.

Der Leninberg, damals Pik Kaufmann geheißen, galt mit seinen rund 7100 Metern als der höchste Berg Russisch-Turkestans. Nur vom Mustagata und Kungor im Ostpamir wußte man, daß sie höher sind. Als ich indes vom Mirsatasch aus die Riesen des Seltaus vor mir auftauchen sah, erwachte auch schon die Hoffnung, hier noch höhere Gipfel zu entdecken. In dieser Hoffnung bestärkte mich Deimlers Messung eines Berges, die 7000 Meter ergab. Der Anblick des Garmogletschers brachte mich auf den Gedanken, daß vielleicht auch der längste Gletscher Turkestans im Seltau verborgen liege, länger als der 1906 (nach Muschketoff) von mir begangene Sarafschangletscher.

[...]

[S. 234-244:]

Als ich meinen Befehl nebst Aufgabenzettel in der Tasche hatte, hieß es mit dem Aufbau des Unternehmens beginnen. Obgleich der Massenbetrieb des Reisens mein Sonderfach ist, spürte ich jetzt erst die Umwälzung so recht, die sich in der Länderforschung vollzieht. Wir stehen inmitten der Bewegung vom Einzelwagnis zum Großbetrieb, von der Entdeckungsreise zur Bearbeitungsreise. Dieses zwangläufige Wachstum ergibt sich aus zwei gleichlaufenden und sich gegenseitig steigernden Strebungen, aus der Vergesellschaftung und der Auswertung oder Arbeitsgemeinschaft und Statistik, die sich beide unter dem Begriff der Mengenbeherrschung vereinigen lassen. Die Arbeitsgemeinschaft – nur ein andres Wort fürs Soziale – ist ein uralter, nicht auf die Menschheit beschränkter Kniff, um Menschenhaufen und Güterhaufen zu bändigen. Diese Haufen entstehen durchs Hintreiben auf denselben Zweck, der sich irgendwie den Einzelseelen aufdrängte oder die Erzeugung gleichartiger Güter bestimmte. Ordnet man diese einstrebigen Mengen nicht, so führt der schrankenlose Wettbewerb zur Stockung durch innere Reibung oder zum Zerknall durch inneren Bruch.

Durch vorbedachte Massenbewältigung will man das Arbeitsergebnis (Gewinn, Zins) sichern, indem man Zeit oder Kraft spart, Reibung glättet, Leerlauf vermeidet. Ergibt sich irgendwann, daß plötzlich viele Menschen dasselbe wollen, dasselbe erzeugen, dasselbe verkaufen, daß also eine bisherige Seltenheit, ein Sonderkönnen, eine vereinzelte Nachfrage zum Massenbedarf und Massenkönnen werden, so ist die Zeit zum Ordnen des Dranges und Gedränges gekommen. Früher hatte der mit diesem Zweck erfüllte Mensch oder die von ihm mit dieser Zweckenergie geladene Sache weiteren Spielraum. Jetzt rückt alles infolge des Wucherns näher zusammen; es kommt zu Reibung und Krach, wenn jede Einheit noch denselben Spielraum beansprucht wie zuvor. Daher muß die Welle seitlicher Ellbogenfreiheit in eine Teilchenbewegung engerer Schwingungsbreite umgewandelt werden. Da ergibt sich zugleich eine Stoßkraft des Ganzen nach vorn.

Stammesbildung und Staatskunst, Bandenbildung und Kriegskunst waren schon vor 1000 Jahren zu hohen Ordnungswissenschaften entwickelt. Die gewerbliche vollbewußt wissenschaftliche Betriebsführung (Organisation als Schlagwort, Taylorsystem usw.) entstand erst in neuerer Zeit. Ihr schließt sich jetzt die Betriebsführung der Wissenschaft an.

Jedes Können hat seinen Brauch und seine Lehre, den Handgriff und den Begriff, das Anpacken der Sache und den Vorbedacht im Kopf oder auf dem Papier. Mengen müssen ausgezählt und gemessen werden. Daher wird die Lehre der Großordnerei zur Wissenschaft der Auszählung, zur Statistik. Statistik ist Bewältigung der massenhaften Werte, der Meßzahlen. Die Wertmengen ergeben sich ohne weiteres aus dem Anhäufen von Menschen und Gütern. Wissenschaftliche Betriebsführung bedeutet somit einen Brauch handgreiflicher Massenbeherrschung, der sich von einer Lehre oder Statistik der Werte leiten läßt.

Nun haben sich in der Naturkunde die Werte immer mehr angehäuft, die sich aus Messungen ergaben. Sie müssen bewältigt werden. Die Naturforschung wird immer mehr zu einer statistischen, das heißt die Werte auszählenden Wissenschaft, die nicht mehr ohne Karteiführung, Buchhaltung und Maschinenrechnung auskommt.

Was beobachten wir nun in der Erdkunde? Worin liegt nun vor allem der Brauch der Erdkunde, ihre praktische Seite? Doch im Reisen, welches ihre erzeugerische oder erntende Tätigkeit ist. Zum Reisen gehören Reisende, die Erntearbeiter des erdkundlichen Betriebes. Ihre Zahl hat zugenommen infolge der Unrast nach dem Kriege und der Verbesserung der Verkehrsmittel, infolge politisch-seelischer Beengtheit und technischer Erleichterung. Die unter Druck stehende Massenseele weicht in die Kanäle des Weltverkehrs aus, sei das Reisen für alle die verarmten Völker noch so teuer. So steht es mit der Erdkunde oder Länderbeschreibung im engeren Sinne. Die Mitarbeiter und der Stoff vermehren sich; die Betriebsordnung ruft. Als Reisebüro und Nordlandfahrt hat sie den rein handwerklichen Teil des Reisens längst ergriffen.

Dazu tritt verstärkend noch folgender Umstand. Wie ich schon sagte, wächst sich die Erdkunde allmählich zu der Allgemeinwissenschaft aus, und zwar aus sich heraus, ohne daß jemand den Lehrplan dazu gefaßt hätte. Um sich herum dehnt sich die Länderbeschreibung in gewaltigem Umfange zur Länderbeschriftung aus, indem alle Wissenschaften ihre Ergebnisse weltmäßig zu ordnen und auf die Karte zu schreiben trachten. Die Erdkunde, die körperlich tätigste der Gelehrsamkeiten, zieht alle in ihren Bann. Jedes Tatsachenwissen holt seinen Stoff aus der Umwelt, in welcher der Mensch wirtschaftet, und gibt ausgewerteten Stoff an die Wirtschaft zurück. Alles Soziale ist Tausch, Wirtschaft, Verkehr, Reise, Bewegung. Wissen ist Sprache; Sprache ist die austauschbare Form der Erfahrungen, die einzelne machten, des Gemeinwertigen, des Wissenswerten; Wissen ist unser geprüfter und brauchbarer Wertschatz.

Das Wissen ist weltläufig gewesen, ehe die Menschen es wurden. Durch tausend Sinnesverwirrungen wird Menschenbrauch der Lehre folgen. Auch die Länder stoßen sich schon im Raum. Aus Landwirtschaft wird Landeswirtschaft, dann Länderwirtschaft; aus Verkehr wird Weltverkehr, aus Wirtschaft Weltwirtschaft. Das Gerüst der Erdkunde muß auch die Übersicht der gesamten Weltwirtschaftskunde tragen, die wiederum ihre Grund- und Hilfswissenschaften mitbringt. Nun liefert die Erdkunde die Unterlage der Weltbuchhaltung, die Karte. Die Karte, das Erzeugnis höchster mathematischer Wissenschaft und feinsten Kunsthandwerkes zugleich, ist ihre ganz besondre Angelegenheit. Sie ist ein Vordruck zum Eintragen und Sichthalten von Werten, ganz wie jeder andre Lageplan, wie jeder statistische Vordruck, wie die Spalten des Kassenbuches.

Wir haben uns geistig ausgedehnt. Wir sind Weltbürger, ob wir wollen oder nicht, ob wir daheim bleiben oder reisen, denn das Getriebe des aus Völkerzellen zusammenwachsenen Weltorganismus – auch wenn er noch keine Weltorganisation ist – packt jeden von uns an. Der Bauer brauchte früher nur den Plan seines Anwesens und seiner näheren Umgebung im Kopfe zu haben. Heute müssen er und seine Ratgeber zumindest Deutschland am Schnürchen haben. Bald wird es nicht ohne die Weltkarte gehen, wenn nicht hoffnungslose Unstimmigkeiten zwischen Bedarf und Verbrauch aufs Schicksal des Erzeugers zurückwirken sollen. Kurz, die Erdkunde wird zur Weltbank des Wissenswerten, die Karte zu ihrem Hauptbuch.

Die Erdbeschreibung hat also zunächst selber größeren Bedarf an Meßstoff und Meßwerten, weil sie immer mehr ins Auszählen und Auswerten treibt, wie jede andere Wissenschaft. Zum Sammeln und Bearbeiten braucht sie somit mehr Leute. Da ferner alles Wissen weltbewußter, weltbedingter wird, strebt es eifriger danach, sich des anschaulichsten und vielsagendsten Mittels statistischer Sichthaltung zu bedienen, der Karte. Wer aber eine Weltkarte zur Hand nimmt, sei er auch nur klassischer Philologe, bei dem regt sich der erste Keim des Weltgefühls und der Reisesehnsucht. Alles will reisen; jeder Gelehrte, sogar der Metaphysiker findet einen streng wissenschaftlichen Grund zum Reisen. Und wer etwas auf der Karte einträgt, seien es auch nur Wirtshäuser oder Liebesabenteuer, der liefert einen erdkundlichen Beitrag, einerlei ob er es wollte oder nicht, ob die Erdkunde es wollte oder nicht. Er hat die Karte benutzt, die wissenschaftliche Unterlage; und weil es eine Karte ist, muß der Geograph sie zumindest angucken, auch wenn er sie gleich in den Papierkorb wirft.

Wir sehen, daß die Erdkunde oder das Erdkundliche zur planmäßigen, kraftsparenden Betriebsführung gedrängt wird (Rationalisierung). Sie setzt naturgemäß zuerst bei der kräftigsten körperlichen Massenbewegung ein, also beim Reisen, wo ja Menschen und Sachen bewegt werden, genau wie im Stahlwerk oder beim Feldzug. Die Kontorwissenschaft oder weise Papierwirtschaft folgte ja dem Handwerk, wie stets die Erfahrung dem Fahren, weil jedes Wissen erarbeitet, erlangt, erwandert, erwerkt und erwirkt werden muß. Das Dringlichste war somit das Ordnen des gelehrten Reisekörpers, der fahrenden Wissenschaft, des Fahr- und Erfahrzeuges. Jeder Einzelreisende ist schon ein solches Fahrzeug im Handel der Wissenswerte, einerlei ob er den Leib selber weiterschiebt oder an ein Fahrgestell heftet.

Für einzelne Neuerer, Bahnbrecher, Entdecker gibt es überall noch Möglichkeiten. Aber im gangbaren Massenbedarf ist der unabhängige Kleinerzeuger nicht mehr leistungsfähig; er arbeitet für die Auftraggeber oder Abnehmer zu teuer. In der Erdkunde nun macht sich ein solcher Massenbedarf geltend, erstens infolge des statistischen Stoffhungers, zweitens infolge einer Schaffensgier, die weite Kreise erfaßt hat und sich als Zudrang von Arbeitswilligen äußert, die man wenigstens zum Teil beschäftigen muß, und sei es an nützlichen Notstandswerken. Die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft ist geradezu sinnbildlich für diesen Zustand.

Das Gewinnen von Meßwerten wird immer mehr zur Facharbeit, die verzwicktes Feingerät und langen Lehrgang am Gerät erfordert. Der alte Reisende durfte sich mit leichteren Nachahmungen der Standgeräte des Laboratoriums und der Sternwarte behelfen. Das geht heute nicht mehr, weil die "ungenaue" Weltbeschreibung abgeschlossen ist. Der Rahm ward abgeschöpft; die Natur gibt ihre Werte nur noch an Hochdruckpressen und Zentrifugen ab. Die Rechnung ist grundsätzlich einfach. Wo früher ein Arbeiter genügte, braucht man heute zehn, um ein Messer oder dergleichen zu machen. Man teilt das Werden des Messers in zehn Gänge und weist jeden einem Facharbeiter zu. Diesem gibt man eine Maschine, die soviel leistet wie zehn Mann. Folglich fallen in der derselben Zeit 100 bessere und billigere Stücke aus. Arbeiter und Maschinen bilden zusammen die Einheit des Betriebes.

In der Wissenschaft läßt sich der Mensch nicht ganz so weit durch die Maschine ersetzen, und der Gelehrte wird selber zur Spezialmaschine eines Betriebes, wobei hoher einseitiger Wirkungsgrad nicht mit Geistlosigkeit gleichgesetzt zu werden braucht. Wie die Arbeiter ums Großwerkzeug, ordnen sich die Forschungsreisenden zu einem Fahrzeug, das durch den Gedanken einer gemeinsamen Aufgabe zusammengehalten wird. Das Gleichnis leuchtet noch mehr ein, wenn sie tatsächlich ein Gesellschaftsfahrzeug benutzen, vor allem ein Schiff. So also ergibt sich ein planvoller Großbetrieb der erdkundlichen Wissenswirtschaft. Infolge der Arbeitsteilung und hochwertigen Leistung erzielt dieses Werk größeren Umsatz und Gewinn, immer vorausgesetzt natürlich, daß Plan, Anlage und Leitung klappen. Zehn Mann reisen billiger als einer. Sie können sich verabreden und einander in die Hände spielen; sie können die feinsten und schwersten Hilfsmittel mitnehmen. Die Einheit des Ortes und der Zeit ist gesichert, denn Meßwerte sollen sich, wenn irgend möglich, auf denselben Körper und dieselbe Zeit beziehen.

Das Erzeugnis des Betriebes, die wissenschaftliche Ausbeute, wird moderner, einheitlicher, reichhaltiger, lückenloser und billiger, als wenn man zehn Alleinreisende ausgesandt hätte, vielleicht gar nach verschiedenen Richtungen. Mit andern Worten: es geht heute auch auf Landreisen schon gar nicht mehr anders. Die Beispiele häufen sich; die Alai-Pamir-Expedition ist eines der auffälligsten und bezeichnendsten. Sie wird bald das Vorbild einer Gewohnheit geworden sein.

Ich legte soeben etwas Nachdruck auf die Landreise. Zur See sind große wissenschaftliche Stäbe längst üblich gewesen. Man denke an die Eismeerfahrer, an den "Challenger", an den "Meteor". Die Erforschung des Atlantischen Meeres mit dem Vermessungsschiff "Meteor", ebenfalls eine Tat der die deutsche Wissenschaft vertretenden Notgemeinschaft, war die seefahrende Vorgängerin der Alai-Pamir-Expedition. Das geräumige Schiff regt ja ohne weiteres die schwimmende Universität an. Es ist das fertige Fahrzeug, der gegebene Rahmen; und der Kapitän ist der Betriebsleiter. Niemand außer ihm braucht sich ums Weiterkommen zu kümmern. Im Urwald, in der Wüste, im Packeis mußte jeder mit zugreifen. Man konnte kein noch so hochgezüchtetes Gehirn mitschleppen, wenn eine tote Last in Gestalt von 80 Kilo Leibesgewicht daran hing. Die alten Nordpolfahrer waren Schlittenschieber im Packeis. Was sie an Wissensbeute heimbrachten, war wie kostbares Radium gewonnen aus Tausenden von Tonnen tauben Gesteins, aus unsäglicher Schinderei und Schufterei. Heute wird sich niemand erkühnen, eine lange Schlittenreise vorzuschlagen, denn das zuverlässige Flugzeug steht vor der Tür.

Das Massenaufgebot von Gelehrten ist zu Lande noch nicht überall möglich, weil eine gewisse Wegbereitung oder Befahrbarkeit unerläßlich bleibt. Der Sonderfachmann will in seinem Fach arbeiten. Zu viele Hindernisse oder Gefahren, die seinen Fortschritt hemmen und seine Tätigkeit beschränken, machen ihn unzufrieden. Die andern Teilnehmer werden ihm verhaßt, denn sie sind der Betrieb, der nicht weiterkommt, weil er sich durch seinen Umfang um so mehr im Wege steht, je mehr ihn die Natur behindert. Dann gibt es Krach und Zerfall. Solch schwierige Gebiete – Urwald, Polareis, Sumpf, Hochgebirge – gestatten nur das randliche Anlegen eines Standlagers, von dem aus man Abstecher macht. Das Vorbringen der Anstalt ins Innere wäre möglich, aber viel zu teuer. Weiträumige Bewegung der Forschergesellschaft ist nur dort möglich, wo der Verkehr das Land erschlossen hat (Straße, Eisenbahn) oder wo die Oberfläche eine unbehinderte Massenförderung gestattet (Wasser, Wüste, Steppe; Schiff, Kraftwagen, Flugzeug, Kamelkarawane). Meistens wird man die Streckenbewältigung mit der Seßhaftigkeit verbinden, indem man ein Standlager verschiebt. Die meisten Arbeiten kann man ohnedies nicht im rastlosen Lauf erledigen. So einigen sich die Nomaden und Ackerbauer der Wissenschaft auf den Mittelweg ihrer Mittel und Wege. Der Anführer muß Beduinenhäuptling und Bürgermeister zugleich sein, Reiseleiter und Werkleiter.

Der Entdecker alten Schlages war ein Abenteurer, der ins Ungewisse hinauszog. Der Großbetrieb darf sich auf kein unvorhergesehenes Wagnis einlassen, denn bei ihm wird das Abenteuer zum Organisationsfehler und Betriebsunfall, der die ganze Fabrik in die Luft sprengen kann. Großbetriebe errichtet man nur auf Grund zuverlässiger Unterlagen, die das Werk als gesichert und lohnend erscheinen lassen. Erst die Nachfrage nach den zu bewältigenden Massen und die Mittel zu ihrer Bewältigung ergeben zusammen die Industriereife eines Schaffens. Solchen Aufbau mag kein Unternehmer fahrlässig oder tollkühn gefährden, denn nun ist er nicht mehr Herr seiner selbst, sondern Diener des Werks, der sozialen Einrichtung. Wer sich allein aufs Spiel setzt, der kann nach einem Fehlschlag wieder frisch beginnen. Wer die Gemeinschaft aufs Spiel setzt, der ist zumeist erledigt wie der Führer des gescheiterten Schiffes.

So hat sich also der Übergang von der Entdeckungsreise zur Bearbeitungsreise vollzogen, vom Aufklärer zur fliegenden Anstalt, vom Husaren zum Panzerwagen der Wissenschaft.

Aber noch etwas zeichnet die Alai-Pamir-Expedition aus, denn sie heißt die deutsch-russische.

In der zwievölkischen Eigenschaft liegt ebenfalls die Vorahnung eines geschichtlichen Verlaufes, dessen Ziel natürlich und denkrecht in das des oben geschilderten erdkundlichen Fortschrittes eingeht. Weltverkehr kann nicht einseitig bleiben. Nur gutwilliges Entgegenkommen sichert dauerhafte Freundschaft und Mitarbeit. Diesen Gedanken haben Rußland und Deutschland vorschauend und mutig verwirklicht. Ohne Selbstbewußtsein keine Gleichberechtigung. Das beginnen alle gebildeten Völker einzusehen. Deshalb wollen sie sich und ihr Land auch nicht mehr untätig erforschen lassen, als ob nur den Fremden die höhere Einsicht zustünde. Sie stellen die Bedingung, daß sich die Fremdlandforscher mit den Heimatforschern vereinigen müssen. Das ist ein Schritt zur Ohnseitigkeit durch Verschmelzung der Pole. Wenn schon die Wissenschaft weltgültig sein soll, um wievielmehr die Erkunde als Rafferin aller Weltwerte.

Längst haben die Staaten begonnen, berühmte Kunstwerke festzuhalten. Sie gehen dazu über, die herrenlos im Wüstensande verborgenen Altertümer zu beaufsichtigen und zu schützen. Sie werden bald jeden fremden Eingriff in ihre Naturdenkmäler verbieten. Ja es wird die Zeit kommen, wo das Raubsammeln der die Landschaft belebenden und kennzeichnenden Pflanzen oder Tiere nicht mehr als anständig gilt. Alles das fügt sich aus unentrinnbarem Denkzwang in die menschheitliche Zielsetzung mit dem Wahlspruch: Allen gehört die Welt. Sie ist überall deine und meine Welt, die von den Ortsassen im Namen der Gesamtheit verwaltet wird. Darin liegt der kraftsparende, wirtschaftliche Sinn des Vermeidens unnötiger Bewegungen. Das Verstopfen kürzester Wege durch Zölle, das Aufpäppeln von Gewerben, das Verschleppen ganzer Tempel, alles das und noch vieles andre sind unnötige Bewegungen. Ich möchte das etwa als Einheit des Weltortes oder Einheit des Wirtschaftsstandes bezeichnen. Das Verschieben von Gegenständen soll aufs geringste Maß beschränkt werden. Erfüllt eine Sache ihren Zweck ebensogut oder gar noch besser an ihrem Standort, dann soll sie dort bleiben und nicht aus rein selbstsüchtigen Zwangsvorstellungen heraus weggenommen werden. Wenn ich mir sage, daß die Akropolis ein Weltschatz ist, dann befreie ich mich von dem Wahn, daß sie nur in London mein Eigentum wird. Vorenthalten die Griechen sie vielleicht irgend jemandem, oder rauben sie gar?

Zukünftigen Geschlechtern wird unsre Museumsschlepperei verschroben, die Sammelgier der Reichen kindisch vorkommen. Ich sehe die Zeit nahe, wo man den Parthenonfries nach Athen zurückschenkt, die Überflüssigkeit der damaligen Bewegung anerkennend. Warum die örtlichen Zeugen der Geschichte, die ohnedies bruckstücklich ist, noch weiter zertrümmern und in alle Winde verstreuen? Für wen es künstlerisch oder wissenschaftlich unerläßlich ist, den Tempelfries im Urstück zu betrachten und zu betasten, für den ist es ebenso dringlich, den Tempel zu untersuchen. Das macht zwei Wege.

Den Haufenbedarf der Anstalten für statistisch-biologische Auswertung kann man mit gemeinen Pflanzen und Kerfen decken, zumal da Kleinmengen für diese Zwecke fast wertlos sind. Außerdem handelt es sich zumeist um Schädlinge, deren Ausrottung willkommen wäre, oder um nützliche Lebewesen, die man ohnehin zu vermehren trachtet. Der Bedarf der Liebhaber läßt sich durch die Zucht aus Samen oder Eiern decken. Briefmarken werden ja auch gezüchtet und dennoch durch die Zuchtwahl des Zufalles zu Seltenheiten.

Diese scheinbar menschheitsphilosophischen Gedanken hängen nicht im Raume der Begriffe. Ich grüble nicht; ich deute die Tatzeichen der Zeit. Diese Gedanken hängen ganz unmittelbar mit dem Reisegroßbetrieb zusammen, dessen naturgewolltes Kommenmüssen ich oben dargelegt habe.

Was bedeutet dieses Forscheraufgebot, diese wandelnde Werkstatt? Es bedeutet den Übergang von der Fernzerstreuung zur Ortsfestigkeit. Manche Bienenkörbe bleiben andauernd im Garten auf dem gleichen Fleck. Viele Imker aber fahren ihre Völker weit hinaus auf die Heide, dadurch die Flugstrecken der Arbeiter abkürzend. Er gibt diesen Weg auf, sobald er sich da draußen ansiedeln kann oder sobald ein andrer Imker den Platz besetzt hat. Was ich Ortsfestigkeit nenne, darf also nur verhältlich aufgefaßt werden, nämlich als Verkürzung der Streu- oder Stichwege durch Verlagerung der Sammelstelle. Es ist, wie wenn man Eier in den Korb liest, anstatt jedes einzeln heimzutragen; wie wenn man die strahlenden Lampen verteilt, anstatt von einer Stelle aus zu beleuchten, was viel teurer ist. Die Granate, die erst an Ort und Stelle platzt, wirkt kräftiger als das Fernfeuer aus 10000 Gewehren. Entmittung des Bezugsortes einstrahlender oder ausstrahlender Massenwirkung spart Wege. Die Großexpedition ist so ein Bienenkorb, so eine wissenschaftliche Granate. Sie verschiebt sich als Standlager mit vielen und kurzen Abstechern, die das Feld gründlicher zudecken, und zwar ohne Mehraufwand gegen den früheren Fernstreubeschuß.

Vorläufig zieht sich die gelehrte Mannschaft noch mit ihrem Gepäck geschlossen auf dem Anmarschwege zurück. Auch das wird einmal altmodisch werden. Man kann die Ausrüstung aufbewahren. Oder man läßt sie gleich betriebsfertig dort als Wetterwarte, zoologische Station, landwirtschaftliche Versuchsanstalt. Damit entfällt der Heimweg für den ganzen Sachbestand und für einen Teil der Beobachter. Diesem Dortlassen begegnet nun das Hiermachen der Selbstbewußten. Sie wollen selbständig werden, wollen nicht nur besucht werden, sondern stehenden Fußes zum Weltbestande beitragen. Sie wollen am Orte behalten und erzeugen, empfangen und abgeben. Überall entstehen Fabriken, Hochschulen, Versuchsanstalten, botanische Gärten, Tierparke, Naturschutzgebiete, Museen, Büchereien und Kunstsammlungen. Nicht nur die Ware, auch das Wissen soll an Brennpunkten erzeugt werden, sobald die Kraftwirtschaft es erlaubt. Als Vormacht hat Europa abgewirtschaftet, wenn es nicht vorzieht, auf seine Pflanzstätten stolz zu werden, ins Weltwissen und Weltgewissen eingehend.

Klar enthüllt sich die Zukunft. Der Wissenschafter wird mit einem Handköfferchen an die Orte pilgern, wo die Anstalt und ihre Gegenstände in der natürlichen Umwelt liegen. Je mehr sich das Reisen verbilligt, desto weniger werden die Leute nach der Hauptstadt fahren, um dort Sehenswürdigkeiten in Gestalt von Trümmern zu bewundern. Ich sage nichts gegen Mustersammlungen von Kleinzeug, Schmuck oder ein paar Ziegelsteinen. Aber einrenkbare Bauteile und Denkmäler sollte man doch nicht verschleppen. Der Raub der drei Obelisken war eine negerhafte Roheit. Sie passen nach Rom, Paris und London wie der Zylinder auf den Kopf des Häuptlings. Beutelust und Putzsucht!

In der Güterwirtschaft sucht man die Förderstrecke abzukürzen, obgleich die Berufsbeweger dagegen sind, die Händler, Kärrner und Karawanenleute, die Umschlagplätze und die Wirte an der Straße. In bezug auf die idealen Werte wird es sogar heißen: Möglichst wenig Sachen bewegen, dafür lieber um so mehr Menschen. Sachlich wird das Wissen ohnehin am besten als Buch und Rundfunk befördert. Wissensdurst und Reiselust ergänzen sich; das Reisen wird immer billiger. Gesteigerter Fremdenverkehr, stärkere Freizügigkeit und Flüssigkeit der Menschenmassen wird auch den Güterverkehr vereinfachen. Die Leute werden nicht mehr so spießbürgerlich vom Heimatgeschmack abhängig sein, sondern den Bedarf ortsüblich decken lernen. Allerdings müssen die Lebensmittel oft noch dem Touristenstrom nachlaufen (Einfuhr der Schweiz). Aber dafür verzehren die Fremden wieder Landeserzeugnisse, die nicht ausgeführt zu werden brauchen. Im Durchschnitt wird sich doch ein wegesparender Ausgleich vollziehen, eine Art Klarungsverkehr.

Mensch, bewege dich! Deine Bewegung ergibt Weltbetrieb, Weltordnung. In dieser Welteinrichtung werden sich die Fremdenpreise den Ortspreisen angleichen. Deine Fahrkosten vermindern sich um die Förderkosten der Güter. Du bist überall daheim; du siehst die Dinge, wo sie urtümlich wachsen. Dein Wissensgewinn wird Reingewinn.

[...]

Hier nach: Willi Rickmer Rickmers, Alai! Alai! Arbeiten und Erlebnisse der Deutsch-Russischen Alai-Pamir-Expedition. Mit 90 Abbildungen, 25 Diagrammen, 2 Panoramen und 1 Karte des Arbeitsgebiets der Expedition, Leipzig 1930, S. 231-33, 234-244.

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