Einführung Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, 1928 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, 1928

Einleitung

Der Beitrag von Karl Mannheim zum "Problem der Generationen" gilt mittlerweile über Fachgrenzen hinweg als kanonisch. Im "steten Neueinsetzen neuer Kulturträger" sah Mannheim ein zentrales Erklärungspotential für die "beschleunigten Umwälzungserscheinungen der unmittelbaren Gegenwart". Im Unterschied zu biologistischen Gesellschaftstheorien unternahm Mannheim den Versuch, generationellen und sozialen Wandel theoretisch miteinander zu verbinden. Sein direkter Bezug zu damals aktuellen Fragen der politischen und gesellschaftlichen Neuordnung zeigt bereits, wie stark sein Generationenentwurf von den Definitions- und Theorieanstrengungen der Zwischenkriegszeit geprägt war. Doch trotz dieser zeitgenössischen Verankerung stellt Mannheims Aufsatz bis heute einen Schlüsseltext für die disziplinübergreifende Generationenforschung dar.

Generation war für Mannheim zunächst einmal keine Gruppe im soziologischen Sinne, sondern ein bloßer Zusammenhang. Es handele sich um ein Miteinander von Individuen, die sich zwar untereinander verbunden fühlten, ohne jedoch eine konkrete Gemeinschaft auszubilden. Darin ähnele eine Generation dem Phänomen der Klassenlage. Jeder Mensch befinde sich in einer bestimmten Generationenlagerung, die er nicht einfach wie einen Verein verlassen könne und die dem Einzelnen sowohl spezifische Möglichkeiten eröffne wie auch Beschränkungen auferlege. Diese Lagerung sei unumstößlich, ob man nun "davon weiß oder nicht, ob man sich ihr zurechnet oder diese Zurechenbarkeit vor sich verhüllt". Die Differenz zwischen generationeller Lagerung und Generationenzusammenhang lag für Mannheim in der kulturell verfassten Bewusstseins- und Erlebnisschichtung, die es ermöglichten, dass Menschen verwandter Jahrgänge eine ähnliche Perspektive auf Ereignisse ausbildeten.

Gemeinsamer kultureller Kontext, chronologische Gleichzeitigkeit sowie die Wahrnehmung des Geschehens aus der gleichen Lebens- und Bewusstseinsschichtung heraus gehörten für Mannheim zu den entscheidenden Voraussetzungen generationeller Vergemeinschaftung. Während die "verwandte Generationslagerung nur etwas Potentielles ist", so differenziert Mannheim, "konstituiert sich ein Generationszusammenhang durch eine Partizipation der derselben Generationslagerung angehörenden Individuen am gemeinsamen Schicksal und an den dazugehörenden, irgendwie zusammenhängenden Gestalten. Innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft können dann die besonderen Generationseinheiten entstehen". Dabei handele es sich um eine verwandte Art des Mitschwingens und Gestaltens, die in ihrer konkreten Ausdrucksform durchaus unterschiedlich, sogar gegensätzlich sein könne, die aber auf einer gemeinsamen Grundstimmung basiere.

Mannheims Generationentheorie war innerhalb der Soziologie schulbildend. Bis heute ist ihr Einfluss auf soziologisches Denken erheblich, wenn es um altersspezifische Ordnungsmuster geht. Aber auch andere Fachdisziplinen wie die Geschichts- und Kulturwissenschaften berufen sich auf Mannheims Generationenentwurf. Obgleich sich in zahlreichen Fallstudien sein Ansatz als tragfähig erwiesen hat, wurden in der Forschungspraxis aber auch konzeptionelle Schwierigkeiten deutlich. Repräsentativität, Homogenität, Generalisierung, Nachträglichkeit – mit diesen Stichworten sind nur einige Probleme umrissen, mit denen sich Generationenforscher konfrontiert sehen, wenn sie Mannheims Generationentheorie folgen. Wenn auch die Generationenforschung mittlerweile naturalisierte Entwicklungsgesetze des 19. Jahrhunderts hinter sich gelassen hat, dient Generation bis heute weiterhin als Instrumentarium, um vor allem eines zu tun: Geschichte zu ordnen. Gerade die Komplexität von historischen Umbruchssituationen wie Revolutionen und Systemwechsel, aber auch die Heterogenität politischer und gesellschaftlicher Strömungen sowie die Dynamik von widerstrebenden gesellschaftlichen Kräften verdeutlichen, dass es theoretischer Grundlagen und systematisierender Begriffe bedarf, um historischen Wandel analysieren zu können. Lange Zeit zählten Kategorien wie Klasse oder Schicht, später auch Geschlecht zu den zentralen Strukturprinzipien. Inzwischen gehört auch Generation zu den relevanten Größen. Zum einen wird der Generationenansatz dazu genutzt, um gleichzeitig auftretende, aber konkurrierende Gesellschafts- oder Politikentwürfe an kollektive Handlungsträger zu binden, zum anderen wird geschichtlicher Wandel durch die Abfolge einander ablösender Generationen periodisiert. Solche Architekturen schaffen zwar Ordnung im historischen Durcheinander, konstruieren aber auch häufig eine schwer belegbare Kausalität. Ob Generation tatsächlich eine sinnvolle analytische Kategorie zur Periodisierung von Geschichte darstellt, ist daher zu Recht bezweifelt worden.

Zu einer kritischen Lektüre und Würdigung von Mannheims Text gehört es auch, seinen Generationenentwurf geschlechtertheoretisch zu hinterfragen. Sprachanalytisch lässt sich zeigen, dass er seinen Generationenbegriff mit männlichen Kohorten verbindet, denn zweifellos machen bei Mannheim vor allem (junge) Männer Geschichte. Damit entsprach der Soziologe dem zeitgenössischen politischen wie auch wissenschaftlichen Diskurs, der Generationen mehrheitlich als männliche Vergemeinschaftungsform entwarf. Daraus ergibt sich die Frage, was ein Generationenkonzept wie das von Mannheim eigentlich in den Blick bekommt und was durch sein theoretisches Raster fällt. Eine Historisierung seines Generationenentwurfs verdeutlicht, dass es sich nicht nur um ein geschlechterhierarchisches, sondern auch um ein auf nationale Rahmungen und soziale Eliten konzentriertes Konzept handelt, das auf bestimmte, kulturell codierte Muster gesellschaftlichen Handelns ausgerichtet ist. Historischer Wandel wird als im politisch-öffentlichen Raum hergestellter und durchzusetzender Prozess verstanden, an dem vorzugsweise Akteure beteiligt sind, die nach zeitgenössischer Vorstellung ohnehin für die notwendige politische Gestaltungsmacht prädestiniert schienen: junge, bürgerliche Männer mit Bildungshintergrund und Aufstiegsambitionen. Diese zeittypische Variante des Generationenmodells macht darauf aufmerksam, dass die Rede von den Generationen stets dahingehend zu hinterfragen ist, wer sich wann, unter welchen Umständen und mit welchen Argumenten als Generationsangehöriger definiert und wer diese generationellen Zugehörigkeiten zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Interessen entdeckt zu haben glaubt.

Die an Mannheims Generationentheorie orientierte Forschung sieht sich zudem mit wissenschaftlicher Kritik anderer Fachdisziplinen konfrontiert. Dem Verständnis, dass Generation primär eine Unterbrechungskategorie sei, halten Psychoanalytiker und Pädagogen entgegen, dass sich die soziologische Generationentheorie damit einer Fortschrittsgläubigkeit verschrieben habe und die für das Generationenverhältnis als grundlegend zu erachtende Gefühlserbschaft weitgehend vernachlässige. Solche Einwände verdeutlichen, dass es für eine reflektierte Generationentheorie heute unabdingbar ist, den Generationenbegriff fachübergreifend als erfahrungsgeschichtliche Kategorie aufzufassen. Denn es ist weitaus ergiebiger, die kommunikativen Bedingungen, unter denen generationelle Selbstverortungen vorgenommen werden, in den Blick zu nehmen als sie substantialistisch aufspüren zu wollen. Generation building ist ein überwiegend im öffentlichen Raum lokalisierter Vergemeinschaftungsprozess und somit Gegenstand und Ergebnis kollektiver Verständigungen. Solche Vergemeinschaftungen brauchen massenmedial verfügbare Identifikationsobjekte, damit potentielle Gemeinsamkeiten überhaupt verhandelt und tradiert werden können. Das trifft nicht nur für politische Generationen zu, sondern ebenso für generationelle Selbstdeutungen, die sich an kulturellen oder sozialen Lebensbedingungen orientieren. Solche oft diffusen Gemeinschaften brauchen zwar nicht das historische Großereignis, wohl aber die Erwartung, dass ein gemeinsames Lebensgefühl ausreicht, um sich in modernen Zeiten nicht allein zu fühlen.

Mannheims Generationentheorie trug trotz seiner unbestrittenen Verdienste auch dazu bei, dass sich gewisse begriffliche Unschärfen in der Generationenforschung fortsetzten. Er entwarf Generation als eine wissenschaftliche Kategorie zwischen Kultur und Natur, und blieb eine explizite Abgrenzung zu Begriffen wie Generativität, Alterskohorte und Genealogie schuldig. Mit diesen Versäumnissen hat sich die Generationenforschung bis heute auseinander zu setzen. Gleichzeitig gilt es den mittlerweile inflationären Gebrauch des Generationenbegriffs wissenschaftlich zu reflektieren. In der Öffentlichkeit verkauft sich das Generationenetikett nämlich schlicht hervorragend, unabhängig davon, ob man wirklich etwas zu sagen hat. Wer generationell argumentiert, kann in den Massenmedien auf erhöhte Aufmerksamkeit hoffen. Diese Tendenz nicht nur als Substanzverlust zu beklagen, sondern als Phänomen mit gesellschaftlicher Relevanz zu analysieren, gehört fächerübergeifend zu den Hauptaufgaben einer zukünftigen Generationenforschung.

Und eine zweite Herausforderung gewinnt bereits Konturen: Eine wieder stärkere theoretische Reflektion scheint auch deswegen unausweichlich, weil seit geraumer Zeit zu beobachten ist, dass der Generationenbegriff zunehmend in transnationalen Kontexten beansprucht und reflektiert wird. Während Mannheim noch eine an nationalen Referenzen orientierte Generationentheorie entwarf, steht die Generationenforschung heute vor der Herausforderung, generationelle Vergemeinschaftungen - wie die der 68er - in weltgesellschaftlichen Bezügen zu denken. Ob es sich bei der Studentenbewegung allerdings tatsächlich um die erste globale Generation handelte, werden empirische Fallstudien in den nächsten Jahren erst noch zu prüfen haben. Doch unabhängig davon stellen die gegenwärtig aufbrechenden Zugehörigkeits- und Gemeinschaftskonstruktionen in einer sich globalisierenden Welt neue Anforderungen an eine Generationentheorie, die sich ihrer wissenssoziologischen Traditionen verbunden weiß.

Ulrike Jureit

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