Einführung Joseph Goebbels, Rede im Berliner Sportpalast [Wollt Ihr den totalen Krieg], 18. Februar 1943 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Joseph Goebbels, Rede im Berliner Sportpalast ["Wollt Ihr den totalen Krieg"], 18. Februar 1943

Einführung

Der studierte Germanist Dr. Joseph Goebbels ist seit 1926 Gauleiter für Berlin. In dieser Position ist er maßgeblich dafür verantwortlich, dass die NSDAP im "Roten Berlin" Fuß fasst, in verschiedenen Schichten Anhänger rekrutiert und zu einer zweiten Kraft neben der starken Kommunistischen Partei heranreift. Nach 1933 wird ihm das eigens für ihn geschaffene Amt des "Ministers für Propaganda und Volksaufklärung" übertragen, welches er bis zu seinem Selbstmord 1945 innehat. Goebbels verwendet sowohl im "Kampf um Berlin" während der Weimarer Republik als auch im so genannten Dritten Reich eine Reihe moderner Kommunikations-Mittel, um möglichst viele Deutsche zu erreichen. Seine bevorzugten Medien sind Film und Rundfunk, die von ihm präferierten Textsorten sind Rede, Aufsatz, Artikel.

Wichtig für das Verständnis der Rede ist die Ideologie des Nationalsozialismus, die als innerweltliche Religion bestimmt werden kann, bei der ein vormals areligiöser Ausschnitt der Realität zum Religiösen mutiert. Nazis bedienen sich zur Darstellung und Verbreitung ihrer Ideologeme vorgeprägter ritueller Muster wie der Kundgebung, sie integrieren Ideen und Anschauungen in ein dualistisches, apokalyptisch geprägtes System. Dieses wiederum geht von einer bevorstehenden Katastrophe und einem reinigenden Übergang aus.

Die Situation im Jahr 1943 – zehn Jahre nach der so genanten "Machtergreifung" – stellt sich wie folgt dar: An der so genannten Ostfront ist der anfängliche Bewegungskrieg einem zermürbenden Stellungskrieg gewichen, in dem zunehmend die Rote Armee die Oberhand gewinnt. Das prestigeträchtige Ziel Stalingrad musste aufgegeben werden, die Sechste Armee wurde eingekesselt, große Teile vernichtend geschlagen, der Rest kapitulierte. Auch an anderen Kriegsschauplätzen zeichnet sich ab, dass der Krieg für Deutschland kaum noch zu gewinnen ist. Der Sicherheitsdienst meldet, dass große Teile der Bevölkerung trotz gegenteiliger Propaganda gut unterrichtet sind und sich demnach eine fatalistische Stimmung ausbreitet. In dieser Situation möchte Goebbels auf ein Instrument zurückgreifen, das bereits im Ersten Weltkrieg angewendet wurde, den Totalen Krieg. Es bezeichnet die vollständige Ausrichtung der Wirtschaft, der gesamten Gesellschaft und der Politik auf den militärischen Krieg. Er bedarf als Begründung einer glaubhaften existentiellen Bedrohung für das Volk, die mit entsprechenden propagandistischen Maßnahmen verbreitet wird.

Für diese Aufgabe wählt Goebbels verschiedene Mittel, die aufeinander aufbauen und einander ergänzen: Artikel, Aufsatz, Denkschrift, Kundgebung. Letztere plant der Propagandaminister als Höhepunkt der geistigen Mobilmachung und offiziellen Startschuss für den Totalen Krieg. Hierfür stehen Goebbels sowohl ein spezieller Raum (Sportpalast), ein erfolgreich erprobtes Ritual (Kundgebung) und ein akklamationsbereites Auditorium (eingeladene Nazis) zur Verfügung. Der Berliner Sportpalast ist für die Zuhörer zugleich Symbol für den Sieg über die demokratischen Parteien und eine sakrale Stätte, in der Siegeszuversicht vermittelt wird. Der Raum dient als weltanschauliche und rassepolitische "Insel". Das Ritual der Kundgebung besteht aus obligatorischen und inszenierten Handlungen, welche die Zuhörer gemeinsam mit dem Redner durchführen, die zudem eingebunden sind in ein Netz aus Symbolik.

Die Rede, welche Goebbels im Rahmen der Kundgebung hält, dauert fast zwei Stunden. Bis heute kursiert folgendes Fehlurteil: Die Rede ist angeblich ein Musterbeispiel für Manipulation und suggestive Rhetorik, weil Goebbels es gelingt, die Zuhörer zu blinder Begeisterung hinzureißen, innerhalb der sie Forderungen des Redners bejahen, welche sie selbst nicht wollen.

Dieses Urteil ist nicht mehr haltbar, denn Goebbels hat nicht die Zustimmung als solche hervorgerufen, sondern lediglich Einfluss auf deren Qualität und Quantität genommen. Der Totale Krieg ist bei den Zuhörern positiv belegt, sie wollen ihn, weil ihnen damit ein baldiges Ende des Kriegs in Aussicht gestellt wird.

Die grundlegende Argumentation des Redners lautet zusammengefasst: 'Die Durchführung des Totalen Kriegs ist an sich und aktuell dringend notwendig, denn: Die Gefahr des jüdisch determinierten Bolschewismus, der das Mittel zur Weltherrschaft der Juden darstellt, existiert europaweit und akut. Wenn dieser siegte, würde dies das Ende Deutschlands und aller europäischen Kultur bedeuten; es geht also um Leben und Tod.' Die sich aus der zentralen Argumentation ergebende zweite Argumentationslinie lautet: 'Ihr alle wollt den Sieg. Dieser wird Folge der kommenden deutschen Offensiven an der Ostfront sein. Diese wiederum sind aber nur möglich, wenn sich alle am Totalen Krieg beteiligen. Darum ist der Totale Krieg notwendig.'

Betrachtet man die gesamte Rede aus Sicht der Zuhörer im Sportpalast und in Deutschland, dann ist der Text für sie als Aufforderung zu verstehen, am Totalen Krieg teilzunehmen. Aus Sicht der Zuhörer im Ausland bedeutet die Rede, die bolschewistische Gefahr nicht zu negieren und sich auf die Seite Deutschlands zu stellen.

Um das Ziel der Kundgebung zu erreichen, Zustimmung zu den Forderungen, sendet Goebbels an Stellen, an denen er Akklamation wünscht, überdeutliche Signale. Hinsichtlich der Diskussion um den Charakter der Rede als angeblich manipulatives Werk ist hervorzuheben, dass Goebbels also keine Signale zum Zeichen sendet, dass, sondern lediglich, wann Zustimmung als Reaktion der Zuhörer erfolgen soll. Betrachtet man beide Kommunikationspartner, dann steht auf der einen Seite der Propagandaminister, der zugleich Gauleiter der Zuhörer ist, also in der parteiinternen Hierarchie über den Zuhörern steht. Auf der anderen Seite steht ein ausgesuchter Ausschnitt eben jener Berliner Nazis, die sowohl mit den ideologischen Grundzügen des Redners, seinen in der Rede geäußerten Thesen und daraus abgeleiteten Forderungen weitgehend übereinstimmt – wohlgemerkt bereits vor der Rede. In der Kundgebung selbst fungieren sie als "Ausschnitt des ganzen deutschen Volkes im besten Sinne des Wortes". Sie repräsentieren zudem "in diesem Augenblick für das Ausland die Nation!" Offensichtlich wird also, dass sich Goebbels in der Veranstaltung die Zustimmung zu den Maßnahmen des Totalen Kriegs holen will.

Die Zuhörer ihrerseits werden der ihnen zugedachten Rolle als mitspielende Kundgebungsteilnehmer gerecht, indem sie den Redner mittels (positiver) Zwischenrufe bestätigen, ihm applaudieren und (positive) Sprechchöre anstimmen.

Indem sie den akklamierenden "Ausschnitt des Volkes" darstellen, werden sie zu dessen offiziellem Sprachrohr.

Redner und Zuhörer bilden demnach zwei einander ergänzende Seiten einer Kommunikationsmedaille. Die Teilnehmer im Sportpalast bilden ein "eingespieltes Team"; beide Seiten werfen einander die Bälle geschickt und versiert zu, denn beide Seiten wissen um ihre spezifischen Aufgaben, die sie einer Kundgebung im Sportpalast zu erfüllen haben.

Berücksichtigt man lediglich die Zustimmung durch die Zuhörer im Sportpalast, dann liegt der kurzfristige Erfolg der Veranstaltung bei Betrachtung der Einzelergebnisse in der Summe der Faktoren begründet. Goebbels hält zur "richtigen" Zeit am "richtigen" Ort vor den "richtigen" Zuhörern die "richtige" Rede. Der zumindest auditive Erfolg beruht nicht auf den scheinbar überragenden rhetorischen Fähigkeiten des Redners Goebbels, sondern auf der Fähigkeit des erfahrenen "PR-Managers", alle Bedingungen für das bestmögliche Resultat zu optimieren.

Das kommunikative Ereignis erzielt trotzdem nicht die gewünschte Außenwirkung, denn wieder Erwarten bildet es nicht das Fanal oder den Startschuss zum Totalen Krieg. Dies hat hauptsächlich folgende Ursachen: Das Ritual Kundgebung im Sportpalast ist im Jahr 1943 als parteispezifische und parteiinterne Veranstaltung bekannt, bei der sich die Parteigenossen im Sinne eines zirkulären Prozesses ihrer Dogmen versichern. Der plötzlich vollzogene Wechsel von einer Parteikundgebung zu einem Scheinplebiszit ist unglaubwürdig, weil alle Bedingungen der Parteikundgebung beibehalten werden. Goebbels argumentiert zur Herleitung der Notwendigkeit des Totalen Kriegs in erster Linie mit Dogmen, was die Plausibilität seiner Argumentation auf die Gruppe der Nazis einschränkt. Andererseits stehen ihm offenbar nur wenig andere plausible Argumente zur Verfügung, denn bei halbwegs sachlicher Einschätzung der wirklichen Lage Deutschlands hätte das Resultat lauten müssen: sofortige Kapitulation. Ein zweiter Grund für die Nichtwirkung der Rede im beabsichtigten Sinne liegt darin, dass die Bevölkerung keinen monolithischen Block im Sinne einer "Volksgemeinschaft" bildet.

Die vorliegende Rede kann als teilweise wirksam bezeichnet werden, denn das zentrale Ziel der Rede hat Goebbels unter kooperativer Mitarbeit der Zuhörer zumindest für den Zeitpunkt des Redeereignisses erreicht: Darstellung des so genannten Volkswillens, den totalen Krieg durchzuführen. Da jedoch Außenstehende um die besonderen Bedingungen der Veranstaltungen im Sportpalast wussten, musste die geplante umwälzende Wirkung ausbleiben.

Diese besonderen Bedingungen sind es auch, die eindeutig zeigen, dass am 18. Februar 1943 keine Manipulation der Massen oder demagogische Massensuggestion stattfand. Die Rede ist Teil eines inszenierten Rituals, welches sich auf einen kleinen Teil der Bevölkerung bezog und von diesem aktiv mitgespielt wurde. Die bis heute geltende Einschätzung vom Musterbeispiel für Demagogie ist darum nicht mehr gültig.

Jens Kegel

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