Einführung Lenin, V.I., Brief an den Parteitag, 23. Dezember 1922 bis 4. Januar 1923 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Lenin, V.I., Brief an den Parteitag, 23. Dezember 1922 bis 4. Januar 1923

Einführung

Der "Brief an den Parteitag" wurde von GlossarVladimir Il'ič Lenin in mehreren Teilen zwischen dem 23. Dezember 1922 und 4. Januar 1923 diktiert. Im Archiv befinden sich lediglich maschinenschriftliche Fassungen des Dokuments; nur für den ersten Teil vom 23. Dezember 1922 existiert die hier faksimilierte Handschrift. Da ausgeschlossen wird, daß sie von einer der Sekretärinnen stammt, denen Lenin diktierte, handelt es sich offensichtlich um eine nachträgliche Abschrift, die im 4. und 5. Absatz gewisse Abweichungen enthält (Buranov/1994). Die Themen, die in diesem Dokument berührt wurden, betrafen sowohl strukturelle Änderungen im Herrschaftssystem der bolschewistischen Diktatur als auch die Einschätzung von Führungsqualitäten einer Reihe von Personen aus der Parteispitze sowie schließlich die Empfehlung, GlossarI. V. Stalin als GlossarGeneralsekretär des CK abzusetzen. Als "Brief an den Parteitag" wurden die genannten Diktate von Lenin selbst betitelt. 1

Die Niederschriften des Dokuments wurde von ihrem Verfasser als absolut geheim deklariert und mit besonderen Kautelen versehen; sie wurden in Umschlägen verschlossen, deren Öffnung nur ihm selbst oder nach seinem Tode seiner Frau GlossarN.K. Krupskaja vorbehalten war. Von diesem als "geheim" eingestuften Dokument ist die Reihe von fünf Artikeln zu unterscheiden, die Lenin im Anschluß an das Diktat seines "Briefes an den Parteitag" im Januar und Februar 1923 verfaßte: "Tagebuchblätter", "Über das Genossenschaftswesen", "Über unsere Revolution (Aus Anlaß der Aufzeichnungen N. Suchanows [Suchanov])", "Wie wir die Arbeiter- und Bauerninspektion reorganisieren sollen (Vorschlag für den XII. Parteitag)" und "Lieber weniger, aber besser". In diesen sämtlich in der Glossar"Pravda" veröffentlichten Artikeln wurden z.T. Vorschläge aus dem "Brief an den Parteitag", wie der zur Ausweitung der GlossarCK-Mitgliedschaft, wieder aufgenommen und konkretisiert. Neben den zu Lebzeiten Lenins publizierten Artikeln wurden von ihm zwei weitere Dokumente verfaßt, die im Zusammenhang mit seinem "Brief an den Parteitag" standen – "Über die Ausstattung der Staatlichen Plankommission mit gesetzgebenden Funktionen" und "Zur Frage der Nationalitäten oder der 'Autonomisierung'". Sie wurden offiziell der Parteiführung übergeben, jedoch nicht veröffentlicht und nur einem ausgewählten Kreis von Parteiführern bekannt gemacht. 2

Die historische Situation, in der Lenin den "Brief an den Parteitag" verfaßte, war durch eine schwere innere Krise des bolschewistischen Regimes gekennzeichnet. Nach außen schien es mit der Einführung der GlossarNeuen Ökonomischen Politik (NĖP) zu einem gewissen sozialen Ausgleich mit der Bauernschaft und mit dem ersten internationalen Auftreten der RSFSR auf der GlossarGenua-Konferenz sowie dem Abschluß des GlossarRapallo-Vertrags mit Deutschland zu beginnender internationaler Anerkennung gelangt zu sein. Durch den staatlichen Zusammenschluß Sowjetrußlands mit Weißrußland, der Ukraine und den Transkaukasus-Gebieten Georgiens, Armeniens und Aserbaidschan konnte sogar manifestiert werden, daß sich der Sowjetstaat historisch durchgesetzt hatte. Jedoch waren alle diese Felder der Innenpolitik höchst umstritten. Zudem gelang die realpolitische Konsolidierung nur auf Kosten scharfer Repressionen gegen die konkurrierenden sozialistischen Parteien sowie der Ausgrenzung und Verfolgung bürgerlicher Meinungsträger aus der Intelligenz. Auch innerhalb der bolschewistischen Partei herrschte ein autoritäres Regime, das Kritik und politische Alternativen unterdrückte. Es wurde als "Fraktionsdiktatur" empfunden. Die politische Autorität des Regimes hing seit der Errichtung der bolschewistischen Herrschaft überwiegend von dem persönlichen Charisma des Parteiführers und Staatsgründers Vladimir Il'ič Lenins ab. Die politische Legitimität der bolschewistischen Herrschaft war auch noch von dieser Persönlichkeit abhängig, als diese durch eine tödliche Krankheit zunehmend von den Hebeln der Macht entfernt wurde.

Als Lenin seinen "Brief an den Parteitag" verfaßte, hatten sich bei ihm bereits seit einem Jahr die fatalen Auswirkungen einer zerebralen Sklerose bemerkbar gemacht. Seine Arbeitsfähigkeit hatte so weit nachgelassen, daß er sich von den Regierungsgeschäften zurückziehen mußte. Auch seine geistigen Fähigkeiten hatten zumindest zeitweise erheblich gelitten. Während Lenin der Zugriff auf den politischen Entscheidungsprozeß entglitt, setzte sich zunehmend das bürokratische Regime des Parteistaates unter der Führung I.V. Stalin durch, der seit April 1922 als Generalsekretär über das gesamte innere Parteimanagement bestimmte. Dieser hatte in der Parteispitze – gestützt auf die mit GlossarL.B. Kamenev und GlossarG.E. Zinov'ev gebildete Trojka – bereits weitgehend die Macht in den Händen.

Am empfindlichsten bekam dies Lenin in der Auseinandersetzung um die verfassungsmäßige Verankerung der Nationalitätenpolitik im neu zu konstituierenden Sowjetstaat zu spüren. In dieser als prinzipiell empfundenen Frage – wie zuletzt auch in der des "staatlichen Außenhandelsmonopols" – konnte er sich nur mit Mühe im GlossarPolitbüro bzw. CK der Partei durchsetzen. Obwohl schließlich zu einer gemeinsamen Verfassungsformulierung gelangt, gewann er aufgrund der sogenannten Glossar"Georgien-Affäre" die Auffassung, daß Stalin und seine Gefolgsleute in der Praxis seinen Prinzipien föderativer Politik entgegenwirkten. Dieses Thema griff Lenin in einer gesonderten Niederschrift außerhalb des "Briefes" auf.

Der "Brief an den Parteitag" wurde verfaßt, nachdem es für den Todkranken keine Hoffnung mehr gab, selbst auf dem für das Frühjahr 1923 geplanten XII. Parteitag aufzutreten. In dem Dokument lassen sich deutlich die Themenkomplexe, die das Schwergewicht in den einzelnen Teilen bilden, unterscheiden. Im ersten vom 23. Dezember 1922 faßte Lenin Reformvorschläge für die bolschewistische Herrschaftsstruktur zusammen. Sie betrafen das Zentralkomitee und den zentralen Leitungsapparat der Wirtschaft, die GlossarStaatliche Plankommission, Gosplan. Den Vorschlag, die CK-Mitgliedschaft auf 50 bis100 Personen wesentlich zu erweitern, konkretisierte und begründete Lenin im dritten Teil des "Briefes" vom 26. und vom 29. Dezember 1922. Das Thema der Staatlichen Plankommission wurde von ihm in anderen Niederschriften außerhalb des "Briefes" behandelt, die offensichtlich für die Veröffentlichung bestimmt waren. Im zweiten Dokument vom 24. Dezember 1922 befaßte er sich mit der Spaltungsgefahr im CK, die er vor allem in der Polarisierung zwischen I.V. Stalin und GlossarL.D. Trockij sah. Lenins anschließende persönliche und politische Charakterisierung der Protagonisten wird durch die Beurteilung noch weiterer bolschewistischer Führer, nämlich G.E. Zinov'evs, L.B. Kamenevs, GlossarN.I. Bucharins und GlossarG.L. Pjatakovs, ergänzt. Während diese Teile einen geschlossenen Zusammenhang bilden, fällt die am 4. Januar 1923 angefügte "Ergänzung zum Brief vom 24.12.1922" aus diesem Rahmen heraus. Das Gleichgewicht kritischer Urteile über alle genannten Führer wurde nun durch das eindeutige Verdikt gegen Stalin ersetzt und dessen Ablösung als Generalsekretär vorgeschlagen. Aus der Kritik und den Vorbehalten des Verfassers gegenüber den Führerqualitäten der wichtigsten Angehörigen der Parteispitze kann mit gutem Recht geschlossen werden, daß er keinen von ihnen als seinen direkten Nachfolger empfehlen mochte. Der "Brief an den Parteitag" wirft vor allem ein Schlaglicht auf den Bruch in den Beziehungen des erkrankten bolschewistischen Führers zu dem erst im April 1922 mit Lenins Unterstützung ernannten Generalsekretär des CK Stalin.

Das schwere Verdikt, das Lenin gegen Stalin ausgesprochen hatte, blieb folgenlos. Andererseits entfaltete das Dokument während der gesamten sowjetischen Geschichte eine Wirkung mit eigener Dynamik, die von den Intentionen des Verfassers unabhängig war. Diese setzte bereits in den ersten Tagen des Diktats ein, als Sekretärinnen Lenins seinen Inhalt an Stalin und andere Mitglieder des Politbüros weitergaben. 3 Seit 1923 bis in die zweite Hälfte der zwanziger Jahre wurde der Brief als Droh- und Druckmittel innerhalb der Parteiführung eingesetzt. Diese beschloß, als sie nach Lenins Tod den "Brief an den Parteitag" offiziell aus den Händen N. D. Krupskajas erhielt, dessen Absetzungsforderung gegen Stalin geheim zu halten und nicht zu beachten. Die Glossar"linke Opposition" setzte den "Brief" bis 1927 als eine ihrer gefährlichsten Waffen gegen ihn ein. Das geheim gehaltene Dokument hing über Stalins Machtaufstieg wie ein Damoklesschwert. Der Generalsekretär mußte erhebliche Mühen aufwenden, um die Veröffentlichung zu verhindern. Je mehr er das Monopol der Lenin-Interpretation erlangte, desto mehr setzte er Teile des "Briefes" wiederum gegen seine Widersacher als Waffe ein. Als Geheimdokument spielte der Text allerdings in den Kommunikationsgemeinschaften eine erhebliche Rolle, die in den zwanziger Jahren der Stalinschen Kontrolle nicht zugänglich waren, so in publizistischen Enthüllungen im Ausland und in den seit Lenins Tod wuchernden Gerüchten unter der Bevölkerung.

Die bolschewistische Führung dementierte geschlossen die Existenz von "Lenins Testament", wie der Text in diesen Auseinandersetzungen und Enthüllungen genannt wurde. War dieses Dokument während der stalinistischen Herrschaft mit einem unter Strafandrohung sanktionierten Tabu belegt, änderte sich seine Funktion unter dem Zeichen der Glossar"Entstalinisierung" GlossarNikita Chruščevs sowie zuletzt der Losung GlossarMichail Gorbačevs "Zurück zu Lenin!". 1956 erfolgte erstmals die Veröffentlichung von Lenins "Brief an den Parteitag" zusammen mit anderen bis dahin geheimen Dokumenten in der Sowjetunion. Ende der 80er Jahre wurde in der Perestrojka und Glasnost' der "Brief" erneut breit diskutiert. In der immer noch weitgehend politisch bestimmten Rezeption des Dokuments seit 1956 erhielt es vor allem die Aufgabe, das Bild Lenins vom verbrecherischen Regime seines Nachfolgers Stalin rein zu halten.

In der westlichen Forschung hat vor allem M. Lewin durch seine mit der Dokumentation verbundenen Monographie zur Erforschung von Lenins "Brief an den Parteitag" beigetragen. In der Folge konzentrierte sich die historiographische Diskussion hauptsächlich auf die Frage, welche Differenz es zwischen dem Leninschen und dem Stalinschen GlossarBolschewismus gegeben habe. Konkretere historische Forschungen über die Umstände, unter denen der "Brief an den Parteitag" verfaßt wurde und welche Wirkungen er hervorgerufen hatte, wurden erst durch die Archivöffnung der 90er Jahre möglich.

Benno Ennker

1 Vgl.: "Tagebuch der Sekretäre W.I. Lenins" [21.11.1922-6.3.1923], in: Lenin, W.I., Werke, Ergänzungsbd. 1917-1923, Berlin 1973, S. 510. [ 1]

2 Vgl.: Lenin, W.I., Werke, Bd. 36, Berlin 1974, Anm. der Herausgeber 660 und 663, S. 722 f. [ 2]

3 Vgl.: Bek, A., "Lenin’s Personal Secretaries Talk. From the Archives of the Writer Alexander Bek", in: Moscow News, 1989, Nr. 17, S. 8-9. [ 3]

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