Einführung John F. Kennedy, Rundfunk- und Fernsehrede an das amerikanische Volk zur Berlin-Krise, 25. Juli 1961 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

John F. Kennedy, Rundfunk- und Fernsehrede an das amerikanische Volk zur Berlin-Krise, 25. Juli 1961

Einleitung

Berlin stand während des Kalten Krieges mehrfach im Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die große symbolische Bedeutung Berlins hing zusammen mit dem besonderen Status der geteilten Stadt, ihrer Lage mitten im Territorium der DDR sowie mit dem Versuch beider Seiten, hier die Überlegenheit des jeweiligen Systems zu demonstrieren. Mit seinem Ultimatum von November 1958 löste der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow eine schwere Berlin-Krise aus. Das Verhältnis der Großmächte verschlechterte sich noch, als am 1. Mai 1960 ein amerikanisches U2-Spionageflugzeug über sowjetischem Territorium abgeschossen wurde. Das geplante Gipfeltreffen zwischen Chruschtschow und US-Präsident Dwight D. Eisenhower wurde abgesagt.

In der Hoffnung, den Dialog wieder in Gang bringen zu können, schlug John F. Kennedy Ende Februar 1961, nur einen Monat nach Amtsantritt, seinem sowjetischen Gegenpart eine persönliche Begegnung vor. Doch erst nachdem die USA Anfang April mit dem fehlgeschlagenen Invasionsversuch in der kubanischen Schweinebucht eine empfindliche Niederlage erlitten hatten, beantwortete Chruschtschow die Anfrage positiv. Aus seiner Sicht hatte der noch unerfahrene amerikanische Präsident Schwäche gezeigt, was der sowjetische Parteichef beim Gipfeltreffen am 3. und 4. Juni in Wien für seine Berlinpolitik ausnutzen wollte. Das Ultimatum von 1958 hatte noch keine Verbesserungen gebracht. Die Position der ostdeutschen Regierung wurde immer schwächer, die Unzufriedenheit im Land wuchs. Ingenieure und Ärzte verließen die DDR in Scharen durch das Schlupfloch West-Berlin, um lukrative Jobs in der Bundesrepublik anzunehmen.

Kennedy hatte zwar damit gerechnet, daß Chruschtschow in Wien seine Entschlossenheit testen würde, doch dessen Härte in Bezug auf Berlin schockierte ihn. Chruschtschow verlangte, Berlin den Status einer entmilitarisierten "Freien Stadt" zu geben. Sollte das nicht innerhalb eines halben Jahres geschehen, werde man einen separaten Friedensvertrag mit der DDR schließen, was gleichzeitig das Ende der Besatzungsrechte der Alliierten in West-Berlin bedeuten würde. Einen Verhandlungsspielraum gebe es nicht, und die Sowjetunion werde bei einer Bedrohung auch vor militärischen Mitteln nicht zurückschrecken. Kennedy versuchte klarzustellen, daß für seine Regierung ein solches Ultimatum inakzeptabel sei. Die beiden Führer der Weltmächte USA und Sowjetunion verließen die österreichische Hauptstadt mit gegenseitigen Drohungen. Chruschtschow stellte sich in der Öffentlichkeit als Sieger dar und ließ am 10. Juni 1961 seine Forderungen veröffentlichen. Die Kennedy-Administration bemühte sich, den Eindruck zu zerstreuen, der Präsident habe sich von dem sowjetischen Parteichef einschüchtern lassen.

Kennedy entschied sich wie oftmals bei größeren innen- oder außenpolitischen Problemen während seiner Amtszeit, sich mit einer Rede direkt ans amerikanische Volk zu wenden. Die am 25. Juli 1961 von Fernsehen und Radio live ausgestrahlte 30-minütige Rede war das Ergebnis mehrmonatiger Diskussionen über die künftige amerikanische Deutschland- und Berlin-Politik, die lange vor dem Gipfeltreffen begonnen hatten. Mehrfach betonte Kennedy das Recht der Vereinigten Staaten in Berlin präsent zu sein, was auch durch von der Sowjetunion unterzeichnete Abkommen immer wieder anerkannt worden sei. In drei Punkten sei die amerikanische Seite zu keinerlei Kompromissen bereit. Dabei handelte es sich um die Besatzungsrechte der Alliierten in West-Berlin, den freien Zugang nach West-Berlin sowie die Freiheit der West-Berliner. Eine Verletzung dieser sogenannten "Essentials" durch die Sowjetunion wäre ein Kriegsgrund, warnte Kennedy. "We cannot and will not permit the Communists to drive us out of Berlin, either gradually or by force." ("Wir können und werden nicht zulassen, daß die Kommunisten uns aus Berlin vertreiben, sei es nach und nach oder durch einen Gewaltstreich.")

In Berlin drohe die momentan größte Gefahr durch den Kommunismus, so der US-Präsident, doch die Bedrohung bestehe weltweit. Kennedy verwies mehrfach auf das Schutzversprechen der Vereinigten Staaten, die Verpflichtung, die man eingegangen sei, das Versprechen, das man den Berlinern gegeben habe sowie auf den Glauben und das Vertrauen der gesamten freien Welt in die westliche Führungsmacht. Damit wollte er den Amerikanern verständlich machen, warum es so wichtig war, in diesem Falle hart zu bleiben. In Berlin stand für die Kennedy-Regierung die internationale Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten auf dem Spiel. West-Berlin sei nicht nur ein Symbol der Freiheit, ein Hoffnungsstrahl hinter dem Eisernen Vorhang. "But above all it has now become – as never before – the great testing place of Western courage and will." ("Aber über all das hinaus ist es nun, mehr als je zuvor, zum großen Prüfstein für den Mut und Willen des Westens geworden.") Ein Angriff auf die Stadt, so der Präsident, wäre ein Angriff auf den Westen.

Um für einen möglichen Konfliktfall in Berlin oder anderswo gerüstet zu sein, forderte Kennedy vom Kongreß zusätzliche Mittel. Zwar hatte er in seiner noch kurzen Amtszeit bereits eine deutliche Erhöhung des Militäretats durchsetzen können, doch nun verlangte er mit Blick auf die aktuelle Bedrohung weitere 3,2 Milliarden Dollar, um neue Waffen, eine Erhöhung der Truppenstärke um über 200.000 Mann und die Verdreifachung der Einberufungen finanzieren zu können. Daß darüber hinaus 200 Millionen Dollar für den Zivilschutz – etwa zum Bau von Atombunkern – ausgegeben werden sollten, machte deutlich, daß ein Krieg auch auf amerikanischem Boden nicht völlig ausgeschlossen wurde.

Kennedys alarmistische Sprache war kaum dazu angetan, den Konflikt zu entschärfen. In der Sowjetunion wurde seine Rede mit Entsetzen aufgenommen. Chruschtschow sprach gegenüber einem amerikanischen Besucher davon, daß sie fast so etwas wie eine Kriegserklärung darstelle. Ein während des amerikanischen Wahlkampfes 1960 erstelltes Profil von John F. Kennedy hätte ihm jedoch als Warnung dienen können: Was Berlin angehe, so die Analyse der sowjetischen Botschaft in Washington, sei der Demokratische Präsidentschaftskandidat kriegerisch eingestellt und würde eher einen Atomkrieg führen, als aus Berlin abzuziehen. Kennedy wußte in dieser Frage die Öffentlichkeit hinter sich. In Meinungsumfragen sprachen sich 85 Prozent der Amerikaner für den Verbleib der US-Truppen in West-Berlin aus, selbst wenn dies Krieg bedeuten würde. 67 Prozent befürworteten einen Militäreinsatz, falls die Kommunisten die Zugänge in die Stadt sperren sollten. Nur 16 Prozent waren dagegen. Später veröffentlichte geheime militärische Planungen zeigen, daß die USA als letztes Mittel in einem Krieg um Berlin sogar den Einsatz von Atomwaffen erwogen.

Besonders in der Bundesrepublik wurde genau registriert, daß der amerikanische Präsident in seiner Rede explizit und mehr als ein Dutzend Mal von WEST-Berlin gesprochen hatte. Das war schon zuvor der interne Sprachgebrauch der amerikanischen Seite gewesen, doch aus dem Munde Kennedys in dieser wichtigen Rede war es ein deutliches Signal, daß es den Amerikanern nicht mehr um die ganze Stadt Berlin ging. Viele Ostdeutsche interpretierten dies auf ihre Weise: Nachdem bereits infolge des Wiener Gipfeltreffens die Zahl der Menschen, die die DDR in Richtung West-Berlin verließen, auf 20.000 pro Woche gestiegen war, erhöhte sich diese Zahl nach der Kennedy-Rede noch einmal. Das wiederum vergrößerte den Druck auf die Regierung der DDR, die bereits angedachten Maßnahmen zur Schließung der Sektorengrenze umzusetzen. In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 begannen Angehörige von Volkspolizei und Nationaler Volksarmee sowie Mitglieder von Betriebskampfgruppen mit der Abriegelung West-Berlins, blockierten Zufahrtsstraßen nach Ost-Berlin und unterbrachen den S- und U-Bahnverkehr.

Aus Washingtoner Sicht blieben die Ereignisse nach dem 13. August im Rahmen dessen, was man zu akzeptieren bereit war und schon zuvor im Bereich des Möglichen gesehen hatte. Die drei von Kennedy aufgestellten Essentials waren durch die Abriegelung der Sektorengrenze nicht verletzt worden. Zwar wurde eine Mauer um West-Berlin gebaut, doch streng genommen wurde nur den DDR-Bürgern die Freiheit genommen.

Doch die Kennedy-Administration hatte die Wirkung der Ereignisse auf die West-Berliner unterschätzt. Wegen der Duldung des Mauerbaus durch die Westmächte drohte eine schwere Glaubwürdigkeitskrise. Kennedy schickte Vizepräsident Lyndon B. Johnson und den Luftbrücken-Helden Lucius D. Clay nach West-Berlin, um die Bürger der amerikanischen Solidarität zu versichern. Hunderttausende feierten seine beiden Emissäre bei der Fahrt durch die Stadt – nur Kennedy selbst wurde knapp zwei Jahre später noch begeisterter empfangen. Als Höhepunkt ihres Aufenthaltes begrüßten Johnson und Clay am 20. August an der Sektorengrenze 1500 aus dem westdeutschen Helmstedt nach Berlin beorderte US-Soldaten. Deren Ankunft war der Beweis, daß der Zugang nach West-Berlin für die Alliierten weiterhin offen war. Der Kommandeur fühlte sich angesichts des Empfangs durch die West-Berliner an die Begeisterung bei der Befreiung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg erinnert, schrieb die Berliner US-Mission nach Washington. Mit einem Griff in die Trickkiste der symbolischen Politik war es Kennedy gelungen, das Vertrauen in die amerikanische Schutzmacht wieder herzustellen.

Mitte Oktober spitzte sich die Lage noch einmal dramatisch zu. Zunächst waren Amerikaner in Zivil, dann auch eindeutig als Militärangehörige identifizierbare Personen von DDR-Grenzsoldaten gezwungen worden, sich bei der Fahrt in den Ostteil der Stadt auszuweisen. Das verstieß gegen bestehende Abkommen. Und weil diesmal eines der drei Essentials berührt war, fiel die amerikanische Reaktion weit schärfer aus als beim Mauerbau, der aus Sicht der Berliner ein viel gravierenderes Ereignis darstellte. Der Konflikt eskalierte, bis sich am 27. und 28. Oktober sogar für 16 Stunden russische und amerikanische Panzer am Grenzübergang Checkpoint Charlie gegenüberstanden. Über einen Sondervermittler entschärften Kennedy und Chruschtschow schließlich die Situation.

Insgesamt bedeutete der Mauerbau aus amerikanischer Sicht zwar keine wirkliche Lösung des Berlinproblems, aber doch ein vorläufiges Ende der Krise, auch weil man nicht mehr den Einmarsch russischer Truppen in West-Berlin befürchtete. Die nun einsetzende relative Stabilisierung der DDR geschah nicht ohne Gesichtsverlust für den Osten, der seiner unwilligen Bürger nur durch Zwangsmaßnahmen Herr werden konnte. Durchaus selbstkritisch diskutierten Kennedys Berater später, ob es eine Alternative zu der weitgehend symbolischen Reaktion auf den Mauerbau gegeben hätte. Es herrschte Konsens darüber, daß dies nur bei Gefahr eines Krieges möglich gewesen wäre. Ein militärisches Eingreifen hatte jedoch niemand ernsthaft in Erwägung gezogen.

Andreas Etges

Hinweis: Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
OK Mehr erfahren