Zusammenfassung Andreeva, Nina, Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben, 13. März 1988. / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Andreeva, Nina, Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben, 13. März 1988.

Zusammenfassung

Am 13. März 1988 erschien in der Rubrik "Polemik" der Tageszeitung Sowetskaja Rossija, einem Organ des Zentralkomitees der KPdSU, ein langer, von der bis dahin unbekannten Leningrader Chemie-Dozentin Nina Andreeva verfasster Brief mit der Überschrift "Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben". Es war ein Plädoyer für die Prinzipien des Sozialismus, der zu einem ideologischen Imperativ der orthodoxen Kommunisten in ihrer Frontstellung gegenüber Gorbačev und seinen Reformen aufgeschaukelt, mit dem Mythos von der Einheit der kommunistischen Partei in aller Öffentlichkeit aufräumte. Das in neo-stalinistischen Tönen verfasste Schreiben beklagte den Werteverfall, Nihilismus der Jugend, Schwarzausmalen der "Weißen Flecken" der sowjetischen Vergangenheit als Folge der Verwestlichung und Prinzipienlosigkeit der linksliberalen Kommunisten.

Furore machte aber nicht die Ansicht einer überzeugten Stalinistin oder ihre Aufrufe, die Uhr der Perestrojka zurückzudrehen, sondern die offensichtliche Federführung dieses ersten und offen artikulierten Anti-Perestrojka-Manifests durch den reaktionären Teil des Politbüros sowie die darauf folgende Polarisierung auf der Führungsebene. Die Episode markierte den immer offensichtlich werdenden Beginn des bis zum Putschversuch der Konservativen im August 1991 andauernden "Bulldoggenkampfes" unter dem Teppich, wie Churchill die Entscheidungsprozesse im Kreml einmal charakterisierte, aus dem die radikal-liberalen Reformer in Person von El’cin als Sieger hervorgegangen sind. Entgegen ihrer ursprünglichen Intentionen haben die Apologeten der alten Ordnung mit der "Andreeva-Affäre" Gorbačev mehr genutzt als geschadet, während die vermeintliche Autorin Nina zum Innbegriff des alten Systems und ihr Vorname zur allegorischen Versinnbildlichung seiner Überreste wurde.

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