Einführung Andreeva, Nina, Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben, 13. März 1988. / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Andreeva, Nina, Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben, 13. März 1988.

Einleitung

Die Geschichte der "Andreeva-Affäre" beginnt mit einem in neostalinistischen Tönen verfassten Brief von der um den Werteverfall und die ideologische Desorientierung der Jugend als Folge von Glasnost’ [Öffentlichkeit] besorgten Hochschullehrerin aus Leningrad. Es handelt sich um eine für die konservative Tageszeitung Sowetskaja Rossija im Jahr 1988 eher gewöhnliche Polemik jener, in den alten ideologischen Dogmen denkenden und überzeugten Stalinistin, für die der neue Parteikurs der Perestrojka und Glasnost’ einen Verrat an sozialistischen Werten und Prinzipien darstellt.

Zu diesem Zeitpunkt wurde im Rahmen des Gorbačevschen, noch mit dem Adjektiv "sozialistisch" versehenen "Meinungspluralismus", tatsächlich das undenkbare gewagt: Nicht nur in den inoffiziellen Zeitschriften und in den Informellen-Clubs, auch in den staatlichen Medien und dicken Zeitschriften, im Fernsehe und auf der Bühne war eine revolutionäre Revision der bis dahin als unantastbar geltenden Geschichtsinterpretation, die schrittweise Aufweichung des "Klassenprinzips" durch die universellen "menschlichen Werte" zu beobachten. Die sensationelle Aufführung von Tengiz Abuladzes "Die Reue" im Februar 1987, die offizielle Rehabilitierung der im Jahr 1938 als "Rechtsabweichler" verurteilten Nikolaj Bucharin und Aleksej Rykov durch den Obersten Sowjet im Februar 1988, Šatrovs Bühnenstück "Weiter, weiter, weiter!" waren nichts anderes als eine öffentliche Abrechnungen mit der Stalinzeit, indirektes Einräumen von Systemfehlern. Zwar stellte Lenin noch die unantastbare Antithese zum despotischen Stalin dar und die Pioniere der Perestrojka waren in ihren Formulierungen noch um ihre Ideologieloyalität bemüht, die Geschichtsdiskussionen solcherart kamen dennoch schon einer Revolution gleich, die vor zwei - drei Jahren nur auf den Seiten der Samizdatschriften oder in den informellen Kreisen als diskutabel denkbar waren. Selbst der erste Generalsekretär relativierte die festen Bestandteile des Sozialismus und sozialistischer Menschenrechtskonzeption mit der neuen Rhetorik: Auf einem Treffen mit der Gruppe der Kulturvertreter (Issyk-kul’skij Forum) im Oktober 1987 sprach er zum ersten Mal von der Priorität der allgemein menschlichen vor den Klassenwerten und auf dem Plenum des CK der KPdSU am 18 Februar 1988 verurteilte Gorbačev ganz offen die "Anwälte" des Marxismus-Leninismus, jene "[…] Klageweiber um den Sozialismus, die meinen, der eine wie der andere sei in Gefahr."

Auf den ersten Blick stellt Andreevas Brief die unmittelbare und erwartungsgemäße Reaktion auf die geschilderte "Entsakralisierung" (Altrichter) der Sowjetischen Geschichte dar, in dem die Autorin eine kritische Position gegenüber der liberalen kulturschaffenden Intelligenz – konkret zum Dramatiker Šatrov, den Informellen Vereinigungen samt der öffentlichen Debatten in den Printmedien bezieht. Als Hochschullehrerin sorgte sie sich um die Erziehung der "Orientierungslosen sowjetischen Jugend", die unter medialen Einfluss der "fremden westlichen Ideologie", unter Vorwand der "Verbesserung des Sozialismus" geraten, ihren Glauben an die Grundfesten des Marxismus-Leninismus, an das Klassenbewusstsein verliert und zunehmend zu nihilistischen Stimmungen neigend in den Schoß der "linken Kosmopoliten" fällt.

Jugend und Massenmedien sind aber nur ein argumentatives Element des Schreibens. Thematisch greift sie Gorbačevs Grundsatzrede über ideologische Fragen auf dem Februarplenum des Zentralkomitees auf [Die Überschrift seiner Rede war provozierend offen: "Die revolutionäre Umgestaltung erfordert eine Ideologie der Erneuerung"] und bietet eine unmittelbare Antwort auf die vom Generalsekretär verlangte, aber noch nicht konkretisierte Notwendigkeit nach der ideologischen Erneuerung. Mit offener Kritik an der theoretischen Plattform der Perestrojka reflektiert sie dabei die ganze Widersprüchlichkeit und Unmöglichkeit der angekündigten Demokratisierung des sozialistischen Systems. Nina Andreeva leiht sich sogar den auf dem Februarplenum gefallenen Satz des Ersten Generalsekretärs "Prinzipien, Genossen, dürfen wir unter keinerlei Vorwänden preisgeben" und ruft zur Rückkehr zu den alten sozialistischen Werten auf, welche sie selbst in dem historischen Kurs des Landes und seinen Errungenschaften – Industrialisierung, Kollektivierung, kultureller Revolution, etablierte Herrschaft des Proletariats – sieht. Es ist nun nahe liegend, dass diese Prinzipien jegliche Revision oder, wie sie selbst es nennt, "Herabwürdigung" der "glorreichen sowjetischen Vergangenheit" oder ihrer Helden ausschließen. Im Gegenteil, es gilt die "[…] Ehre und Würde der Pioniere des Sozialismus wiederherzustellen", also jene von Stalin und des noch "unbefleckten" Lenin. Fast die Hälfte ihres Briefes ist der fatalistischen Rechtfertigung dieser Vergangenheit gewidmet. Dabei geht es der Chemielehrerin nicht um eine objektive Geschichtsschreibung. Die Historiographie solle sich gemäß der Marxistisch-leninistischen Methode der Erforschung den Interessen der Arbeiterklasse unterwerfen. Jenen Liberalen, die Andreeva schlechthin als "Nachkommen der gestürzten Klasse" bezeichnet und die sich über die alt bewahrten Dogmen hinweg im "nationslosen Internationalismus" und Meinungspluralismus üben, wirft sie die Geschichtsfalsifikation, Trotzkismus, mangelnden Patriotismus und Verrat vor. Sie selbst entpuppt sich dabei nicht nur als eine militante Stalinistin, sondern auch als Antisemitin.

Doch Furore machte weniger der rückwärtsgewandte Inhalt des Briefes, sondern viel mehr die Autorenschaft dieser offensichtlichen Frontstellung gegenüber dem Liberalisierungskurs des Landes, die Etalonisierung des Artikels zum Antiperestrojka-Manifest und die verzögerte Reaktion der Öffentlichkeit darauf. Dabei muss das Erscheinen und die Bewertung des Briefes im Kontext der veränderten "Einfluss- und Machtgleichgewichte" (Brown) innerhalb der Parteiführung in Folge der neuen Kaderpolitik unter Gorbačev gesehen werden. Nach El’cins Rebellion gegen das zu langsame Tempo der Perestrojka und dem darauf folgenden Verlust seines Moskauer Parteiamtes konnte der konservative Apparatflügel vorübergehend die eigene Stellung festigen. Es ist daher anzunehmen, dass sie, von diesen Ereignissen ermutigt, im Namen einer besorgten Hochschullehrerin ihren Unmut über die "Auswüchse" der Perestrojka zum Wort gebracht haben. Kritische Stimmen gegenüber der Neuen Außen- (Gromyko im PB-Gespräch vom 27. Oktober 1986) und Glasnost’ -Politik meldeten sich schon früher in den Politbürodiskussionen und es war der ZK-Sekretär für Ideologie Egor Ligačev, der besonders scharf die zu weit gehende neue Informationspolitik des Generalsekretärs verurteilte [siehe Gorbačev, Erinnerungen].

Dennoch oder gerade deswegen hatte Gorbačev nach der Kenntnisnahme des bekannten Artikels unmittelbar vor seiner Auslandsreise nach Jugoslawien noch keine direkte Gefahr für seinen Perestrojkakurs erkannt. Erst nach seiner Rückkehr und der Feststellung, dass der Andreeva-Brief nicht nur breite Unterstützung in den eigenen Reihen bekommt, sondern auch noch vergleichbar mit einem wichtigen Parteidokument in den regionalen Zeitungen ohne jegliche Kritik nachgedruckt und damit zum ideologischen Imperativ der Konservativen lanciert wird, wurde das Politbüro am 24. und 25. März zusammengerufen. Zwar beschworen noch alle Politbüromitglieder ihre Einheit und Treue den Richtlinien des Aprilplenums vom 1985 und dem Perestrojka-Kurs, an den Einzelaussagen bezüglich des Artikels war aber schon die Polarisierung der Partei in die orthodoxen Konservativen und die Liberalen, personifiziert durch Ligačev, Vorotnikov, Gromyko, Čebrikov auf der einen und Jakovlev, Ševardnadze oder Medvedev auf der anderen Seite, zu beobachten.

Für Gorbačev war somit die Spaltung im Politbüro und der Partei offensichtlich und unvermeidlich geworden, während er selbst zu einem Spagat, zur Geisel seiner eigenen Reformen gezwungen wurde. Kurzfristig hatte er durch das taktische Manövrieren und nicht ohne Hilfe seitens der liberalen Öffentlichkeit die Konservativen in die Defensive drängen können. Am 5. April erschien in der Parteizeitung Pravda unter der Überschrift "Grundsätze der Perestrojka: Revolutionäres Denken und revolutionäre Handlungsweise" eine von Jakovlev und Medvedev vorbereitete Antwort auf den Andreeva-Brief, die zugleich auch eine neue Phase der Perestrojka einleitete. Die darin anonym verkündete Botschaft an die Reformwidersacher war unmissverständlich: Die konservative dogmatische Haltung entbehre jeglichen konstruktiven Inhalts und stehe im Widerspruch mit dem Wesen der Perestrojka; das alte Denken loszuwerden ist zwar schwierig, ein "Zurück" gibt es aber nicht, denn ohne radikale Maßnahmen sei die Rückkehr zu den "wahren Leninistischen Prinzipien" nicht möglich.

Erst nach diesem Signal aus dem Politbüro richtete sich auch die übrige Presse gegen den Andreeva-Artikel und gegen den dahinter vermuteten Verfasser. Denn die zahlreichen Verweise einer Chemielehrerin auf die Memoiren Churchills, de Gaulles, sowjetischer Heerführer, die Kenntnis von Exilliteratur oder gar, der damals noch unter Verschluss stehenden Überlegungen K. Kautskys zur Oktoberrevolution, verrieten einen Ghostwriter. Später wird behauptet, Nina Andreeva habe am 1. Februar lediglich einen viel kürzeren Lesebrief an die Zeitung geschickt, welcher auf Empfehlung Ligačev professionell bearbeitet und in der bekannten Form in der Sonntagsausgabe veröffentlicht wurde. Am nächsten Tag hatte er den Artikel als ein Beispiel des guten Journalismus tatsächlich gelobt, ja sogar zum Nachdrucken und zur Diskussion weiter empfohlen. Inwiefern die Federführung tatsächlich bei Ligačev lag, konnte bis dato keine offizielle Bestätigung finden, wenn auch seine Patronage in welcher Form auch immer außer Zweifel steht. In den postsowjetischen Erinnerungen jedenfalls bestreitet Ligačev seine Regieführung, während Andreeva ein Jahr später nach diesen Ereignissen im Ogonjok [Nr. 33 vom August 1989] nur das Hinzufügen des ersten Absatzes durch die Zeitungsredaktion zugibt.

Neben der Offenbarung des neuen Kräfteverhältnisses im Politbüro legte der Ausgang der Nina-Andreeva-Affäre die noch "wackelige" und etwas unselbstständige liberale Öffentlichkeit, die enge Bemessenheit der Grenzen des Erlaubten, des "sowjetischen Meinungspluralismus" offen. Denn die Presse reagierte zuerst auf den Brief abwartend, mit einem "solidarischen Schweigen", während einige regionale (u.a. "Ural’skij Rabočij", "Večernij Donbass" "Omskaja Pravda") und zwei DDR-Zeitungen ("Neues Deutschland" vom 2./3. April; "Unsere Zeit" vom 11. April) ihn sogar wie in den alten Zeiten wortgetreu nachdruckten. Erst nach der offiziellen Antwort in der Parteizeitung folgte eine Flut von den Perestrojka-Kurs unterstützenden Redaktionsbriefen und Diskussionen.

Gorbačev selbst hatte diese Putsch-Episode kurzfristig mehr genutzt als geschadet. Durch das taktische Manövrieren und nicht ohne Hilfe seitens der liberalen Medien konnte er die Konservativen in die Defensive drängen und mit der Beherrschung der Debatten mit der anschließenden Ankündigung einer Verfassungsänderung auf der XIX. Parteikonferenz eine neue Phase von Perestrojka und Glasnost’ einleiten. Der Generalsekretär erreichte den Höhepunkt seiner Macht (Brown, Sogrin, Šubin) und stieg mit 54,8% der ihn unterstützenden Bevölkerung zur Person des Jahres 1988 auf (in der Presseumfrage des VCOM sogar mit 68,5 %).

Der weitere Verlauf der Ereignisse sollte zeigen, das der anschließend auf dem Plenum des ZK der KPdSU vom September 1988 entmachtete Ligačev mit seiner Klage, die Kontrolle über die Medien verloren zu haben, Recht hatte und die zunehmend politisierende Gesellschaft den Wandel der Gorbačev-Rhetorik sehr wörtlich nehmend bald nach tatsächlicher Demokratisierung verlangte, die letzen Endes nicht "zurück zu Lenin", sondern zum Systemuntergang geführt hat. Die verzweifelnden Versuche der Konservativen, das alte Wertesystem in dem neuen Meinungspluralismus doch noch zu revitalisieren, waren schon zu diesem Zeitpunkt und nicht zuletzt gerade deswegen zum Scheitern verurteilt.

Yuliya von Saal

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