Einführung Niederschrift über die Besprechung in der Reichskanzlei am 5. 11. 1937 von 16.15-20.30 [Hoßbach-Protokoll], 10. November 1937 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Niederschrift über die Besprechung in der Reichskanzlei am 5. 11. 1937 von 16.15-20.30 ["Hoßbach-Protokoll"], 10. November 1937

Einführung

Wohl war der Anlaß zu der Konferenz fast banal. Die Wehrmachtteile, namentlich Luftwaffe und Marine, stritten sich in der Phase hektischer Aufrüstung des Dritten Reiches fortwährend um Rohstoffe und industrielle Kapazitäten. GlossarAdolf Hitler glaubte, vermittelnd eingreifen zu müssen; außerdem wollte er, im Falle des Heeres mit dem Tempo der personellen und materiellen Vermehrung unzufrieden, dessen Oberbefehlshaber Generaloberst GlossarWerner Freiherr von Fritsch "Dampf machen", wie er zu GlossarHermann Göring sagte. Jedoch nützte er die Gelegenheit zu einer langen grundsätzlichen außenpolitischen Erklärung, in der er sein Kriegs- und Expansionsprogramm darlegte und die er sogar – für den Fall seines Todes – als sein "politisches Testament" verstanden wissen wollte.

So war es nur natürlich, daß die Hoßbach-Aufzeichnung sowohl im GlossarNürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß des Internationalen Militärtribunals wie in einigen amerikanischen Nachfolgeprozessen (gegen das Personal des Auswärtigen Amts und die militärische Führung) eine wichtige Rolle spielte und den Anklagevertretern als einer der zentralen Beweise für den Kriegs- und Eroberungswillen Hitlers und der NS-Elite diente. Rechercheure der Alliierten hatten die Niederschrift im Mai 1945 in den deutschen Akten entdeckt, und eine Kopie gelangte, auf Veranlassung von GlossarRobert Murphy, dem politischen Berater des amerikanischen Militärgouverneurs in Deutschland, ins State Department. Von dort fand sie ihren Weg zu den Teams, die jene Prozesse vorzubereiten hatten.

Für die Zeitgeschichtsforschung ist das Dokument aber noch aus einem etwas engeren Grunde höchst aufschlußreich. Daß Hitler entschlossen war, die vorgebliche deutsche "Raumnot" in absehbarer Zukunft durch eine expansionistische und den Krieg kalten Blutes als Mittel einkalkulierende Politik zu beheben, kann die Wissenschaft in der Tat beweisen, indem sie sich unter anderem auf die Hoßbach-Aufzeichnung stützt. Damit wird en passant die forensische Nutzung dieser Quelle in den ersten Nachkriegsjahren gerechtfertigt. Was GlossarFriedrich Hoßbach niederschrieb, erlaubt uns jedoch darüber hinaus die genaue Bestimmung des Zeitpunkts, zu dem der "Führer" erstmals die Möglichkeit zu sehen meinte, vom theoretischen Pläneschmieden zur praktischen Politik überzugehen und dafür konkrete Vorbereitungen anzuordnen.

Hitler hatte aufmerksam registriert, wie schwächlich die Reaktion der Westmächte auf Italiens Angriffskrieg gegen das Völkerbundsmitglied Abessinien und auf die deutsch-italienische Intervention im Spanischen Bürgerkrieg ausgefallen war; Frankreich und selbst Großbritannien hatten als Wächter des territorialen Status quo und des Friedens versagt und damit in den Augen des "Führers" einen großen Teil ihres Ansehens verloren. Auf der anderen Seite überschätzte er in grotesker Weise die Ergebnisse der schon seit 1933 und erst recht seit 1935 forcierten deutschen Aufrüstung. So schien ihm, wie er am 5. November 1937 seinen Zuhörern vor allem auseinandersetzte, eine Lage erreicht, die bereits 1938 die Chance bieten konnte, die Tschechoslowakei und Österreich zu überfallen und zu annektieren; Prag galt ihm als das wichtigere Ziel, da Österreich seit dem Glossardeutsch-österreichischen Abkommen vom 1. Juli 1936 ohnehin zu einem Satelliten des Deutschen Reiches degradiert war.

Nachdem Hitler sein "politisches Testament" vorgetragen hatte, sahen sich die Teilnehmer an der Konferenz denn auch zu sofortigem Handeln veranlaßt. Fritsch bot sogar den Verzicht auf seinen am 10. November beginnenden Urlaub an, was Hitler freilich als überflüssig abwies; so nahe stehe der Krieg nun auch wieder nicht bevor. Doch machten sich die Militärs sofort daran, ihre Kriegsplanung so zu ändern, daß sie der aktuellen Lagebeurteilung des "Führers" entsprach. Noch im Dezember 1937 legten sie Hitler den "1. Nachtrag zur Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht vom 24.6.1937" vor, und anders als in der bislang defensiv gehaltenen Weisung hieß es nun: "Hat Deutschland seine volle Kriegsbereitschaft auf allen Gebieten erreicht, so wird die militärische Voraussetzung geschaffen sein, einen Angriffskrieg gegen die Tschechoslowakei ... auch dann zu einem siegreichen Ende zu führen, wenn die eine oder andere Großmacht gegen uns eingreift." Sollten die Großmächte abgelenkt sein, werde der Angriff auf die ČSR "auch vor der erreichten vollen Kriegsbereitschaft" erfolgen.

Jene drei Angeklagten im Hauptkriegsverbrecherprozeß, die Teilnehmer an der Konferenz vom 5. November 1937 gewesen waren – Göring, GlossarErich Raeder und GlossarKonstantin Freiherr von Neurath –, haben in Nürnberg zwar bedauert, daß Hoßbach die Hitlers Ansprache folgende Diskussion nur knapp wiedergegeben hatte, weil so ihre Opposition gegen die Pläne des "Führers" nicht recht erkennbar werde. Was jedoch Hitlers Rede angeht, ist die Richtigkeit der Aufzeichnung von ihnen nicht in Frage gestellt worden. Hoßbach selbst, bei Kriegsende General der Infanterie, hat sowohl als Zeuge in Nürnberg wie in seinen 1965 erschienenen Memoiren naturgemäß keine Garantie für den Wortlaut übernehmen wollen, aber die inhaltliche Richtigkeit des Dokuments ausdrücklich bestätigt.

Gleichwohl: Da das Original der Niederschrift im amerikanischen Hauptquartier in Europa bereits im Sommer 1945 verschlampt worden war und daher der US-Ankläger in Nürnberg nur die nach Washington gegangene Kopie vorlegen konnte, ist das in der rechtsradikalen Propaganda stets als Fälschung hingestellte Dokument auch von einigen seriösen Historikern mit Skepsis betrachtet worden; sie mochten die Möglichkeit manipulativer Eingriffe der amerikanischen Anklagevertreter jedenfalls nicht völlig ausschließen. Lange Jahre war überdies eine Abschrift der Aufzeichnung verschollen, die Oberst GlossarGraf Kirchbach von der Kriegsgeschichtlichen Abteilung des Generalstabs im November 1943 angefertigt hatte, als er mit der Sichtung der Akten des Generalfeldmarschalls GlossarWalther von Brauchitsch, vom Februar 1938 bis Dezember 1941 Oberbefehlshaber des Heeres, beauftragt und dabei auf das handschriftliche Original der Hoßbach-Aufzeichnung gestoßen war. Graf Kirchbach hatte seine Abschrift im Januar 1944 seinem Schwager GlossarViktor von Martin zur Aufbewahrung übergeben, der sie Ende Oktober 1945 den britischen Besatzungsbehörden zur Verfügung stellte, wonach sie spurlos verschwand.

1989 ist jedoch diese Kirchbach-Abschrift in bis dahin gesperrten britischen Akten gefunden worden, zusammen mit begleitenden Briefen Martins und Schreiben britischer Offiziere. So konnte festgestellt werden, daß die im Nürnberger Prozeß verwendete Kopie mit der Abschrift des Grafen Kirchbach Wort für Wort übereinstimmt. Der Verdacht der Manipulation ist damit entkräftet, die Authentizität des in Nürnberg und danach von vielen Historikern benutzten Textes zweifelsfrei erwiesen.

Hermann Graml

Hinweis: Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
OK Mehr erfahren