Einführung Radioansprache des Vorsitzenden des Staatlichen Verteidigungskomitees J. V. Stalin, 3. Juli 1941 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München)

Radioansprache des Vorsitzenden des Staatlichen Verteidigungskomitees J. V. Stalin, 3. Juli 1941

Einführung

Am 3. Juli 1941, als der Generalsekretär der GlossarAllunionistischen Kommunistischen Partei (der Bolschewiki) und Vorsitzende des GlossarStaatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR GlossarIosif Vissarionovič Stalin sich erstmals nach Kriegsausbruch an die Öffentlichkeit wandte, trug der Chef des Generalstabs des deutschen Heeres GlossarFranz Halder in sein Kriegstagebuch ein, der Feldzug gegen die Sowjetunion werde in vierzehn Tagen gewonnen sein.

Die Wucht des deutschen GlossarBlitzkrieges gegen die Sowjetunion, der im Morgengrauen des 22. Juni 1941 auf der gesamten Länge der sowjetischen Staatsgrenze mit den Hauptstoßrichtungen Leningrad, Moskau und Ukraine begann, traf die sowjetischen Streitkräfte in der Phase des Aufmarsches. Um die Grenztruppen in Alarmbereitschaft zu versetzen, war eine erste Direktive des GlossarVolkskommissariats für Verteidigung viel zu spät, erst am 22. Juni 1941 um 0.30 Uhr, an die Truppen der militärischen Grenzbezirke ergangen. Sie erreichte die meisten Einheiten nicht mehr rechtzeitig. Auch war der Inhalt der Direktive irritierend: Den Truppen wurde befohlen, sich nicht provozieren zu lassen und das Feuer auch dann nicht zu eröffnen, wenn der Feind sowjetisches Territorium beträte. Als der Angriff der deutschen Wehrmacht schon in voller Breite von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer lief, die sowjetischen Truppen zurückwichen und erste schwere Verluste verzeichneten, erfolgte nach sieben Stunden eine zweite Direktive. Sie verdeutlichte, daß die sowjetische politische und militärische Führung weiterhin von einer deutschen Provokation ausging und es nicht für möglich hielt, daß die große militärische Konfrontation zwischen Deutschland und der UdSSR begonnen hatte. Es wurde den Truppen befohlen, den Feind dort anzugreifen und zu vernichten, wo er die sowjetische Grenze verletzt hatte. Vom Kriegszustand und einer allgemeinen Mobilmachung war nicht die Rede. Als die Initiative dann längst in den Händen der Deutschen lag, erfolgte am Abend des 22. Juni 1941 die dritte Direktive, die gemäß der sowjetischen Militärstrategie offensive Gegenschläge an allen Fronten befahl, um den Feind auf seinem Territorium zu bekämpfen. Zu dieser Zeit hatte die Zentrale keine Vorstellungen mehr von den Vorgängen an der Front. Die deutsche Luftwaffe beherrschte bereits den Luftraum, die sowjetischen Truppen führten schwere Verteidigungsgefechte oder befanden sich sogar im Rückzug. Das deutsche Bombardement wurde in einer Tiefe von 400 Kilometern geführt. Es zersprengte sowjetische Verbände, vernichtete das Kommunikationswesen und erschwerte die Heranführung von Truppen an die Front bis zum Äußersten. Da die Truppenteile ihren Kampf zu unterschiedlicher Zeit aufnahmen, konnte keine durchgehende Verteidigungsfront errichtet werden. Das hatte zur Folge, daß deutsche Panzer und motorisierte Verbände die Widerstandsherde die sowjetischen Streitkräfte umgingen und sie z. T. von den Flanken und vom Rücken her angriffen. Durch den negativen Verlauf der Grenzschlachten für die GlossarRote Armee, die schweren Verluste an Menschen und Material sowie das Fehlen an Reserven bei Waffen und Munition gelang es den Deutschen, schon nach wenigen Tagen die strategische Initiative an sich zu reißen. Bis zum Dezember 1941, als der deutsche Vormarsch sich festgelaufen hatte, waren 4 Mill. sowjetischer Soldaten gefallen und 3,9 Mill. in Kriegsgefangenschaft geraten.

Die Gründe für das Desaster der Roten Armee waren vielschichtig. Zum einen hatten die GlossarGroßen Säuberungen die militärische Führung so stark getroffen, daß im Ausland von einer "geköpften Armee" die Rede war. Wenn bis heute auch die Zahl der Opfer umstritten ist, kann von circa 55 000 Angehörigen der Streitkräfte zwischen 1937 bis 1941 ausgegangen werden, gegen die Anklage erhoben wurde. Die Auswirkungen dieses Terrors auf die Moral der Truppen waren verheerend, jegliche Eigeninitiative wurde im Keim erstickt. Selbst nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ging die Aburteilung und Erschießung von Kommandeuren weiter, weil das Regime Sündenböcke für die Niederlagen suchte, aber auch weiterhin selbständiges Handeln bestrafte, selbst wenn es die Lage an der Front erforderte. Als Folge der Säuberungen hatten die ausgelichteten Reihen der Streitkräfte in Eile mit Soldaten aufgefüllt werden müssen, die für ihre neue Position nur unzureichend qualifiziert waren. Erschwerend war hinzugekommen, daß die sowjetischen Streitkräfte in den dreißiger Jahren übermäßig, um das Vierfache, vergrößert worden waren. Allein zwischen 1938 und 1941 stieg die Truppenstärke um 200 Prozent auf 5 Millionen an. Um den Bedarf an Führungskräften zu decken, wurden Lehrgänge verkürzt und Beförderungen beschleunigt. Doch blieb insgesamt das Ausbildungswesen weit hinter dem Bedarf zurück. Sowjetische Quellen der Jahre 1940 und 1941 geben Auskunft darüber, daß der Volkskommissar für Verteidigung GlossarSemen Timošenko sich ebenso wie Stalin der Schwächen der Roten Armee bewußt war. Diese zeigten sich trotz Reformanstrengungen nach dem Glossarsowjetisch-finnischen Krieg besonders im Bereich der Gefechtsausbildung und des Zusammenwirkens der Waffengattungen. Ein effektives, konsistentes Trainingsprogramm scheiterte auch daran, daß es durch die Gebietserweiterungen im Rahmen des Glossar"Hitler-Stalin-Paktes" immer wieder Truppenverlagerungen gab. Eine weitere Ursache für die Niederlagen der Roten Armee war die offensive Verteidigungsstrategie, die die Variante einer tief gestaffelten Verteidigung mit Deckungskräften ausschloß. Das ideologisch untermauerte Konzept, eine sozialistische Armee müsse zum begrenzten Gegenangriff übergehen, führte dazu, sowohl die Truppen als auch den Nachschub frontnah in den Grenzmilitärbezirken zu plazieren, wo sie in den ersten Kriegstagen dem Feind zum Opfer fielen. Des weiteren fehlte im Frühjahr 1941 ein der Situation angemessener Mobilmachungsplan. Der Plan des Generalstabs vom September 1940 befand sich wegen der Grenzverschiebungen und der Reorganisation der sowjetischen Streitkräfte in Überarbeitung. Ein GlossarEntwurf des sowjetischen Generalstabs zur Führung eines Präventivkriegs gegen die aufmarschierende deutsche Wehrmacht war von Stalin am 15. Mai 1941 scharf verworfen worden, weil er bezweifelte, daß Hitler einen Zweifrontenkrieg beginnen würde. Jedoch war vorgesehen, die in diesem Entwurf enthaltenen militärischen Vorbereitungsmaßnahmen zur Verteidigung der Staatsgrenzen schrittweise bis Anfang Juli 1941 umzusetzen. Eine weitere Schwierigkeit bestand aufgrund der Anforderungen, die die verdeckte Teilmobilmachung seit Ende Mai 1941 nach sich zog, und der beschränkten Leistungsfähigkeit der Industrie. Schwere Versorgungsengpässe bei Waffen, Munition, Zugkraft u. a. führten dazu, daß der sowjetische Truppenaufmarsch nur verzögert und unsystematisch vorankam. Schließlich war die befestigte Verteidigungslinie durch die Verschiebung der sowjetischen Westgrenze 1939/1940 noch eine gigantische Baustelle, an der 500 Bataillone fieberhaft arbeiteten.

Durch die Rede Stalins erfuhren die Sowjetbürger erstmals in vollem Umfang, daß sich die Sowjetunion in existentieller Gefahr befand, daß es "um Leben oder Tod" ging. Zugleich präsentierte sich Stalin als unumstrittener Führer, dessen Herrschaft trotz der deutschen Invasion nicht erschüttert worden war. Vielmehr hatten es Stalin die von ihm geschaffene politische Zentralisation sowie der wirkungsmächtige Führerkult ermöglicht, sich am 30. Juni 1941 an die Spitze des neu gegründeten Staatlichen Verteidigungskomitees zu stellen. Als dessen Vorsitzender (und damit politisch bestätigt) wandte er sich in einem alarmierenden und suggestiven Ton an die Öffentlichkeit, der dem Ernst der dramatischen Lage an der Front entsprach. Neben dem Bekenntnis zu den Niederlagen der Roten Armee hatte die Rede drei zentrale Funktionen: die Politik des Regimes vor dem deutschen Angriff zu legitimieren, eine Erklärung für den erfolgreichen Vorstoß des Feindes auf sowjetisches Territorium zu geben und die Bevölkerung sowie das nicht feindliche Ausland für die Verteidigung der Sowjetunion zu mobilisieren.

Im Bemühen, den Verdacht auszuräumen, Partei und Regierung hätten Fehler begangen, rechtfertigte Stalin den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag. Es sei die sowjetische Friedensliebe gewesen, die die Regierung der UdSSR veranlaßt habe, den von Deutschland vorgeschlagenen Vertag abzuschließen und ihn einzuhalten. Das war nur die halbe Wahrheit. Denn seit der beginnenden deutsch-sowjetischen Annäherung im Frühjahr 1939 hatten sowjetische Unterhändler wiederholt dem Interesse der UdSSR an einem politischen Abkommen mit Deutschland Ausdruck verliehen. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 sicherte dann die Westgrenze der UdSSR, doch bot das von Stalin verschwiegene GlossarGeheime Zusatzprotokoll die Grundlage für ein militärisches Vorgehen der Sowjetunion gegenüber ihren westlichen Nachbarstaaten. Nach dem sowjetischen Angriff auf Finnland wurde die UdSSR vom GlossarVölkerbund zum Aggressor erklärt. Diesen Aspekt klammerte Stalin aus, als er im Jargon der marxistisch-leninistischen Ideologie von einer sowjetischen Friedfertigkeit sprach. Ein weiterer Vorteil, so Stalin, sei ein Zeitgewinn von eineinhalb Jahren zur Aufrüstung der sowjetischen Streitkräfte gewesen. Dieses Argument widersprach jedoch der Tatsche, daß die Wehrmacht der Roten Armee schwerste Niederlagen zugefügt hatte.

Um diese zu erklären, griff Stalin bei der Beschreibung des deutschen Überfalls zu den Attributen "unerwartet" und "wortbrüchig". Ersteres ist als subjektive Auffassung Stalins zu interpretieren, der bezweifelt hatte, daß Hitler sich vor einem Kriegsende mit Großbritannien gegen die Sowjetunion wenden würde. Das zweite Attribut bezog sich auf den Bruch des Nichtangriffsvertrages durch Deutschland, wobei ebenfalls implizit zum Ausdruck kam, daß Stalin der nationalsozialistischen Regierung vertraut hatte. Den Vorteil im Feld, den die deutsche Wehrmacht und ihre Verbündeten hatten, wurde von Stalin auf ihre Angriffsstrategie zurückgeführt sowie auf den Überraschungseffekt, den der deutsche Überfall hatte. Stalin behauptete, daß die Rote Armee nicht mobilisiert gewesen war und erst an die Grenze herangeführt werden mußte. Die im Gang befindliche verdeckte Teilmobilisierung der sowjetischen Streitkräfte verschwieg er, weil sie seine These vom überraschenden Angriff des Feindes ins Wanken gebracht hätte.

Versuche zur Mobilisierung für den Abwehrkampf der Sowjetunion nahm Stalin auf unterschiedlichen Ebenen vor.

Erstens beschränkte er sich nicht allein auf die übliche Anrede "Genossen", sondern fügte "Bürger", "Brüder und Schwestern" sowie "Kämpfer unserer Armee und Flotte" hinzu. Damit machte er ein offenes Zugeständnis an vermeintliche gesellschaftliche Gruppen und Ethnien, die er nicht für systemtreu hielt. Gleiches galt für den Gebrauch des Begriffes "Heimat" anstelle "Sowjetunion", die es zu verteidigen gelte. Der Begriff der Heimat umschloß alle Bürger der Sowjetunion unabhängig von ihrer politischen Gesinnung, er appellierte an Familie, geographische Verwurzelung und kulturelle Identität. Das Identifikationsangebot, das Stalin mit ausgewählten Vokabeln machte, schien aus seiner Sicht nach den Säuberungen nötig zu sein, die alle Schichten der Sowjetgesellschaft betroffen hatten. Die Folgen dieser Politik zeigten sich beim Einmarsch der Wehrmacht. Überläufer machten in der ersten Kriegsphase einen beträchtlichen Anteil unter den sowjetischen Kriegsgefangenen aus. In den neu annektierten Gebieten waren die feindlichen Truppen z. T. mit Blumen begrüßt worden. Kollaboration und antisowjetischer Widerstand wurden zu einer Massenerscheinung, der das sowjetische Regime bereits am 29. Juni 1941 mit der Direktive begegnete, alle "Desorganisatoren, Panikmacher, Überläufer, Spione und Diversanten" schonungslos zu bekämpfen. Die sowjetische Führung war von dieser Erscheinungen offensichtlich so beunruhigt, daß Stalin sie in seiner Rede wiederholt zur Sprache brachte.

Zweitens sollten die Bewohner aller Sowjetrepubliken mobilisiert werden, indem ein klares Feindbild entworfen wurde. Stalin benutzte zur Bezeichnung des nationalsozialistischen Regimes den Begriff Faschismus wieder, nachdem er im Kontext der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit fallengelassen worden war. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei scheute auch keine pejorativen Superlative, um Hitler und von GlossarRibbentrop etwa als "Menschenfresser" zu diskreditieren. Noch war weiten Teilen der Bewohner der westlichen Gebiete der Sowjetunion nicht klar, daß die Deutschen nicht als Befreier kamen (wie sie sich selbst stilisierten und einzelne Maßnahmen ergriffen, um diesen Eindruck zu erwecken), sondern daß Deutschland einen rassistischen und imperialistischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führte. Als Ziele des Feindes nannte Stalin fälschlicherweise die Wiedererrichtung des Zarismus, zudem zurecht die nationale Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung.

Drittens sollte Mobilisierung über den spezifischen Charakter des Feindes und seiner Kriegsziele durch Aufbietung aller Kräfte geschehen. Ein Volkssturm sollte sich erheben, jeder "bis zum letzten Blutstropfen" und "um jeden Zentimeter Erde" kämpfen. Daß dieser Einsatz Erfolg bringen mußte, wurde von Stalin durch historische Entlehnungen im Rahmen des GlossarSowjetpatriotismus suggeriert, indem der gescheiterte GlossarFeldzug Napoleons ebenso ins nationale Gedächtnis zurückgeholt wurde wie der russische Widerstand im Ersten Weltkrieg und GlossarLenins Vermächtnis über die Eigenschaften eines aufrechten Bolschewisten, der sich durch Tapferkeit, Mut und Furchtlosigkeit auszeichne. Auch der stalinistische Mythos von der unbesiegbaren sozialistischen Sowjetarmee wurde bemüht, um die Kampfmoral zu heben. Als zusätzliche Mittel, um einen Glossar"Vaterländischen Krieg" einzuleiten, rief Stalin zur Taktik der verbrannten Erde sowie zum Partisanenkampf auf. Dieser konnte von der Kommunistischen Partei jedoch erst effektiv organisiert werden, als die Bevölkerung der vom Feind besetzten Gebiete negative Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Besatzungspolitik gemacht hatte.

Viertens erfolgte eine Mobilisierung nach außen durch eine politische Öffnung der sowjetischen Politik gegenüber Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Stalins Selbstbewußtsein mußte gestiegen sein, seit der britische Premierminister GlossarChurchill am Abend des 22. Juni 1941 öffentlich der Sowjetunion Hilfe zugesagt hatte und der amerikanische Präsident GlossarRoosevelt sich zwei Tage später ebenfalls für Hilfeleistungen an die Sowjetunion ausgesprochen hatte. In der Rede Stalins wurde die Sowjetunion als Macht dargestellt, die mit ihrem Krieg gegen Deutschland objektiv alle Völker Europas bei ihrem antifaschistischen Freiheitskampf unterstütze. Diese Aufgabe helfe ihr, "treue Verbündete" unter den Völkern Europas und Amerikas, ja selbst im deutschen Volk zu finden und eine "Einheitsfront" im Namen demokratischer Freiheiten zu begründen. Damit griff Stalin den Gedanken der Volksfront wieder auf, der die sowjetische GlossarPolitik der kollektiven Sicherheit der 1930er Jahre begleitet hatte.

Im Ergebnis hielt Stalin eine eklektisch aufgebaute Rede. Der Marxismus-Leninismus wurde benutzt, doch wesentlich mit Elementen des Sowjetpatriotismus gemischt. Verfälschungen stalinistischer Politik und nationalsozialistischer Ostraumplanung fanden Eingang, Emotionalität und Sachlichkeit wechselten sich ab, um den erhofften Zweck, eine umfassende Mobilisierung der sowjetischen Bevölkerung und des gegen Deutschland gerichteten Auslands zu erreichen. Politisch gesehen war die Rede wegweisend. Sie leitete den Übergang zum "Großen Vaterländischen Krieg" der Sowjetunion ein, der nicht mehr länger nur Sache der Roten Armee war. Zudem wurde die Phase der sowjetischen Außenpolitik im Zeichen der Verständigung mit Deutschland überwunden und der Boden für eine GlossarAnti-Hitler-Koalition bereitet.

In der Historiographie wird die Rede bis heute unterschiedlich interpretiert. Hatte sich die offizielle sowjetische Historiographie zunächst die Argumente Stalins zu eigen gemacht, gab es in der GlossarTauwetter-Zeit unter GlossarNikita Chruščev eine Geschichtsrevision, die einzelne Behauptungen Stalins widerlegte. Insbesondere seine These vom eineinhalbjährigen Zeitgewinn durch den Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages geriet ins Schußfeld der Kritik. Glossar"Revisionisten" führten an, der Vorteil, den sich Deutschland durch den Pakt mit Stalin politisch, militärisch, kriegswirtschaftlich und territorial verschafft hätte, sei um ein Vielfaches größer gewesen als der Gewinn der Sowjetunion. In diesem Zusammenhang wurden die Folgen der Säuberungen für Rote Armee sowie Stalins politische Führungsrolle scharfer Kritik unterzogen. Seit 1964 bis zur GlossarPerestrojka eliminierte die GlossarKPdSU Stalin kritisierende Positionen zugunsten einer patriotischen Geschichtsschreibung. Jene existierten nur in der sowjetischen Untergrundliteratur oder im Ausland weiter. Dort führte man vor allem die Diskussion über die Ursachen für die Niederlagen der Roten Armee in den ersten Monaten des Krieges fort. Die postsowjetische Geschichtsschreibung ist durch einen GlossarHistorikerstreit über die Kriegsziele des Stalin-Regimes gekennzeichnet. Insbesondere seit der Entwurf eines Präventivschlages vom Mai 1941 publiziert wurde, der vom sowjetischen Generalstab erarbeitet worden war, sieht sich die Richtung russischer, aber auch westlicher Historiker bestätigt, die Stalin Angriffspläne gegen Deutschland oder sogar ganz Westeuropa unterstellt. Diese Position konnte allerdings bisher nicht ausreichend belegt werden. Verbunden mit der Diskussion ist die Erörterung der Schuldfrage. Inwieweit Stalin ein Opfer Hitlers war, ist heftig umstritten. In letzter Zeit stehen der Charakter des sowjetischen Aufmarsches vor dem 22. Juni 1941 sowie der politische Nutzen der sowjetischen Gebietserweiterungen von 1939/1940 im Mittelpunkt der Kontroverse. Historiker heben hervor, daß die sowjetische Expansion die Sicherheit der Sowjetunion unterminiert habe. Zudem wird die langjährige, hauptsächlich in der deutschen Historiographie geführte Debatte nun auch in Rußland darüber weitergetrieben, ob Stalins Expansionspolitik nicht wesentlich zu Hitlers Entschluß beigetragen habe, die Sowjetunion zu überfallen. Insgesamt ist in der internationalen Forschung die Programmatik der nationalsozialistischen Rußlandpolitik in letzter Zeit ebenso überzeugend hervorgehoben worden wie die Dysfunktionalität stalinistischer Außen-, Innen- und Militärpolitik für die Sicherheit der Sowjetunion.

Bianka Pietrow-Ennker

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